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Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 128 - 133
Titel: Essen und Trinken II , 2002

BEWIRTUNG

< Bankette > Kneipen, Restaurants

Im Sommer 2001 beteiligte sich der Maler Johannes Hüppi an der Reihe „Positionen zur Malerei“ im Ausstellungsraum Münster. Als Motiv für die Einladungskarte hatte er ein Bild mit einer Kellnerin ausgewählt: Sie trägt mit der linken Hand ein Tablett, auf dem man zwei volle Biergläser und eine Flasche mit schief aufgesetztem Korken sieht. Die rechte Hand ist abwehrend in Richtung Betrachter ausgestreckt, als ob sie sich Bahn schaffen oder die Balance halten will. Es ist eine Geste, mit der man normalerweise auch eine unerwünschte Ablenkung von sich weist: Die Kellnerin konzentriert sich gerade auf die Bedienung des Tisches, den sie mit den Getränken ansteuert, während man ihr gleichzeitig von den anderen Tischen zuzurufen scheint: „Zahlen bitte!“ – „Für uns auch noch zwei Bier!“

Kellner werden in der Regel schlecht bezahlt, und so trifft man heutzutage in der deutschen Gastronomie, ob Steakhaus oder Künstler-Café, selten auf versiertes Personal, das die Hotelfachschule absolviert hat. In sommerlichen Biergärten schleppen studentische Aushilfskräfte lauwarm-schales und halb verschüttetes Bier heran, nur noch übertroffen von jener Muffligkeit, an die man sich beim Gastronomie-Personal in der Ära des einst „real existierenden“ Ostblock-Sozialismus erinnert.

In der Stuttgarter Szene-Kneipe „Amadeus“ können Besitzer eines mobilen Telefons sich das lästige Warten ersparen, dass endlich jemand am Tisch erscheint, um die Bestellung aufzunehmen: Man sendet einfach eine SMS mit einer Codenummer von der Speise- und Getränkekarte an die Kasse und bekommt prompt sein Viertele Trollinger serviert. Sicherlich wird man bald auch in anderen Etablissements per Handy Bier und Räucherlachs auf Toast ordern können.

Für die gastronomische Bewirtung sind zwei Kriterien typisch. Erstens: Auch wenn manche Gäste ihre Stammkneipe als „zweites Wohnzimmer“ ansehen, so sind Ess- und Trinklokale doch immer nur als Orte temporären Aufenthaltes gedacht. Dementsprechend unverbindlich sind die sozialen Beziehungen zwischen Gästen und Personal, oder auch fremder Gäste untereinander. Die Kommunikation bzw. die Rollenaufteilung sind rituell geregelt vom Überreichen der Speisekarte, dem Aufnehmen der Bestellung und dem Servieren der Speisen bis zum Abrechnen der Zeche.

Zweitens: In der heutigen Gastronomie sind Küchenangebot und räumliches Ambiente fast überall standardisiert. Das gilt für den China-Imbiss mit Krabbenbrot, Hühnerspießen und roten Troddel-Lampions ebenso wie für das altdeutsch-rustikale Brauhaus mit seiner deftigen „Kutscherpfanne“. In Gourmet-Lokalen und in „gehobenen“ Hotel-Restaurants wird man während des Essens ständig von einem Sommelier umwieselt, der den Wein von einem drei Meter entfernten Beistelltisch alle paar Minuten immer nur schlückchenweise nachschenkt.

Gegenteiligen Kriterien folgt hingegen die häusliche Bewirtung: Gastgeber und Gäste stehen hier in einer konkreten sozialen Beziehung zueinander – als Familienmitglieder, Freunde, Vorgesetzte, Arbeitskollegen, Vereinskameraden, Nachbarn usw. Auch wenn die überlieferten Tischsitten einen konventionell-rituellen Rahmen bilden, so ist doch das Arrangement der Speisen viel individueller und die Kommunikation weitaus privater. Zwar läßt man heutzutage in zunehmendem Maße vom Party-Catering-Service das Essen anliefern, doch meistens bemühen sich die Gastgeber, bei ihren Gästen mit Selbstgekochtem zu glänzen.

Künstler versuchen bei ihren Bewirtungsaktionen, die häusliche oder gastronomische Kulinarik durch besondere Originalität zu übertreffen, oder aber sie parodieren das Vertraute: Der Künstler B.W. Dürerbett-Schlothauer trat im Jahre 2000 in Leipzig, Kassel und Osnabrück mit einem Bratwurststand an. Zu seiner „Volksspeisung“ mit einer Gratis-Austeilung der Würste hieß es: „Dürerbett-Schlothauer verfüttert… die Kunstgeschichte“.1 Die einzelnen Würste hatte er nämlich mit kleinen Fähnchen bestückt, auf denen die Namen berühmter Künstler wie Oskar Schlemmer aufgedruckt waren. „Sehr unterschiedlich nahm das Publikum die Darreichung der Spende in Form einer Wurst im Brötchen entgegen. Die ersten Irritationen entstanden ja schon bei der Aufforderung sich einen Künstlernamen auszusuchen, dem man verspeisen möchte…Die Methode des Künstlers, auf eine der populärsten Formen der eiligen Speisezufuhr zurückzugreifen, scheint… wie ein Verweis auf den möglichen Symbolcharakter des Bratwurststandes. Eile, Rastlosigkeit in einer beschleunigten Zeit…“2

Anfang 2001 ereilte die BSE-Krise jedoch auch diese Wurst-Aktionen, denn das Publikum verschmähte fortan die Gabe: „Nachdem jeder über die Inhaltsstoffe einer Bratwurst aufgeklärt ist, bleibt selbst die vom Künstler gespendete Wurst auf dem Rost liegen“. Dürerbett-Schlothauer sah sich gezwungen, die Aktion vegetarisch abzuwandeln: „Die Spendenaktion gebe ich nicht auf… Ich überprüfe gerade eine Reihe von fleischlosen Speisen auf Verwendbarkeit…“3

„In Sinne einer Volksspeisung“ verteilte auch die Gruppe „Die bairishe Geisha“ (Judith Huber, Marianne Kirch, Eva Löbau u.a.) im Herbst 2001 als Beitrag zu Elisabeth Hartung-Halls „Tafelrunden“-Reihe „frische Knödel aus altbackenen Semmeln“ an „hungrige Münchener“. Bei der Theaterperformance „Mein Gastmahl“ durften zunächst „100 zahlende Zuschauer“ dem „Bereiten der Knödel“ beiwohnen. Sobald die Knödel gar waren, verabschiedeten allerdings die Geisha-Performerinnen dieses Publikum. Dem zweiten Teil mit Knödelessen durften dann andere Gäste umsonst beiwohnen.

Bei dieser „Tafelrunden“-Reihe inszenierte Benjamin Bergmann im Münchener Maximiliansforum „Die Speisung der Zehntausend“ mit Brei. Die Zahl „10.000“ war natürlich nur symbolisch gemeint, da ja „das Konzert für Millionen auch nicht immer vor Millionen von Menschen dargeboten“ werde. Bergmanns Konzeptidee: In einer Arena-Situation mit umlaufenden Sitzreihen wird ein „riesiger Teller“ aufgestellt, „angetrieben von einem kräftigen Motor. Über eine Art Rutsche, wie es sie auch bei Kieswerken gibt, fließt dann der Brei auf den Teller…“4 Die schnelle und mechanische Abfütterung in Großkantinen, an Raststätten und in Fast Food-Lokalen inspirierte den Künstler zu dieser Aktion. In der Mensa und im Rasthaus muss sich der Gast einem rigiden Dirigismus unterwerfen – die ökonomisch-rationalistische Personaleinsparung erfordert eine Disziplinierung des Publikums, das nach dem Essen sein Tablett mit dem benutzten Geschirr vom Tisch abräumen soll.

Andere Künstler befragen die sozialen Konventionen der traditionellen Tafelrunde: Manfred Forschner lud 1987 in die Galerie Monika Beck in Homburg/Saar und dann ein zweites Mal im Juni 2000 in den Kursaal von Bad Sachsa zu einer „Kunstaktion mit Beteiligung des Publikums“ ein. Sein „Gesellschaftsessen“ unter dem Titel „E-Vent“ begriff er als eine „Versammlung von Jägern“. Tatsächlich kann man bei öffentlichen Empfängen immer wieder hektisches Gedränge am Buffet beobachten, wo jeder danach trachtet, sich die besten Häppchen zu sichern, bevor alle Tabletts leer sind. Forschner provozierte ein solches „Jagdverhalten“, indem er seinen Gästen jeweils „Speisen unterschiedlicher Qualität und Menge“ vorsetzte. „Was dann folgte, hing sehr vom Temperament der Gäste ab… Aufstand oder Umverteilung des Angebotenen wurde erprobt…“5

Eine Verbindung von Kunst und feierlichem Essen ohne derlei Provokationen wurde indessen im September 2000 auf dem Künstlerinnenhof „Die Höge“ bei Bremen zelebriert. Alida Gundlach moderierte das „4. Kunstmahl ,Auftakt'“, das als „Festliches Galadiner in der großen Scheune“ mit einer Rauminstallation der Hamburger Künstlerin Christiane Klappert und Flügel-Begleitung durch die Pianistin Elvira Plenar angekündigt worden war. Im Zentrum solcher „Events“ steht zwar nach wie vor die ausgestellte Kunst, doch mit solch einem kulinarisch-musikalischen Begleitprogramm versuchen Veranstalter gerne, eine Differenzierung gegenüber dem üblichen Vernissagengeschehen zu erreichen. Mit der angestrebten Besonderheit der Situation hat auch das Essen einen besonderen Genusswert: Man bewirtet die Gäste nämlich nicht einfach mit simplen Käsehäppchen, sondern lehnt sich bewusst an die Tradition des aristokratischen Prunkmenüs an.

„Cross-Marketing“ betreibt z.B. die Dürener Galerie „Die Treppe“ in der Yorckstr. Dem Kunstraum ist eine Weinhandlung angeschlossen, und so sind die Vernissagen zugleich Weinproben. Auch als der Kölner Galerist Thomas Zander Mitte der neunziger Jahre im „Zikurrat“-Komplex von Mechernich-Firmenich Ausstellungen organisierte, bestand die Vernissagenbewirtung aus der Produktpräsentation eines Weinhändlers, der hoffte, durch solchen „Direkt-Kontakt“ zur Kunstszene neue Kunden gewinnen zu können.

Rirkrit Tiravanija bekochte bereits 1994 die Besucher der Ausstellung „Lost Paradise“ im Kunstraum Wien. 1998 inszenierte er „Das soziale Kapital“ im Migros-Museum Zürich mit Bar und Küche. Zwei Jahre zuvor hatte er im Kölnischen Kunstverein sein New Yorker Appartement maßstabsgetreu nachgebaut. Hier konnten die Besucher rund um die Uhr sich selbst bewirten und in der Küche Tee oder Spaghetti kochen. Die klassische Rollenaufteilung zwischen (abwesendem) Wirt und Gast war in dieser „sturmfreien Bude“ (Christoph Blase in der FAZ) insofern aufgehoben, als dass die Gäste selbst nach dem Essen das Geschirr spülten und die Abfälle beseitigten.

„Der Kunst-Raum verlor seine institutionelle Funktion und wandelte sich schließlich zum freien sozialen Raum“, freute sich Udo Kittelmann, zu jener Zeit Direktor des Kölnischen Kunstvereins.6 Studenten auf der Durchreise nutzten den Raum zur kostenlosen Übernachtung. Andere Besucher trafen sich morgens vor der Arbeit hier zum Frühstück. Nachschub an Essen und Trinken garantierte die Tankstelle auf der anderen Straßenseite. Nur „die tageszeitung“ bemäkelte, dass zugleich der benachbarte Neumarkt für die Junkies „kein Tag und Nacht geöffneter Raum mehr“ sei, weil die Polizei sie mit „Platzverboten“ massiv traktierte, und fragte provokativ, wie wohl „Gastgeber oder Aufsicht“ reagiert hätten, wenn Gäste aus der Drogenszene im Kunstverein hätten „campieren und drücken“ wollen.7

Sicherlich hat eine solchermaßen inszenierte künstlerische Gastfreundschaft und Bewirtung in gewisser Weise einen Symbolcharakter. Aber die Installation war auch kein nachgebauter Real-Raum, wie man dies von Guillaume Bijl kennt – Tiravanija verzichtete ausdrücklich auf das Moment einer illusionistischen Täuschung, und es ging auch nicht um die Simulation eines großstädtischen Nachtasyls oder einer ähnlichen sozialen Situation. Die von Tiravanija geschaffene Situation definierte sich nicht vom Alltag her, als ob man den Künstler in seiner tatsächlichen Wohnung besucht hätte, sondern von der institutionellen Bedeutung der Räumlichkeiten im Kunstverein.

Jürgen Raap

Anmerkungen:
1.) zitiert nach: Demmel Kunstprojekte Osnabrück, Pressemitteilung zur Aktion „Volksspeisung“, September 2000
2.) ebenda
3.) Pressemitteilung Demmel Kunstprojekte Osnabrück, Februar 2001
4.) zitiert nach: Elisabeth Hartung-Hall (Hrsg.), Dokumentation „Tafelrunden – 7. RischArt Produktion“, München 2001
5.) Manfred Forschner, Dokumentation zu „Gesellschaftsessen“, 2000
6.) Udo Kittelmann, „Vorwort“, in: Rirkrit Tiravanija „Untitled, 1996 (Tomorrow is another day)“, Kat. Köln 1997
7.) Jochen Becker, „Nachts passt Wachhund Max auf“, in: „die tageszeitung“, 8. Jan. 1997, S. 12