Titel: Essen und Trinken II · von Michael Hübl · S. 78
Titel: Essen und Trinken II , 2002

MICHAEL HÜBL

Ein Zipfel vom Weltgeschehen

Versuch über Wurst und Kunst

Amuse geule

Die Kunst hat es längst erkannt: Es geht um die Wurst. Ort: Venedig. Zeit: 2001. Während der 49. Biennale di Venezia wurde in einem Teil des Koreanischen Pavillons der Zugang verweigert. Michael Loo hatte dort eine jener Absperrungen aufgestellt, wie sie bei noblen Konferenzen, in den Lobbys distinguierter Hotels oder in plüschigen Kinos gebräuchlich sind. Doch statt einer kräftigen bordeauxroten Kordel hat Loo für seine Arbeit „Access/Denial“ länglich dicke, blut-dunkel eingefärbte und mit Talkumpuder bestäubte Plastikobjekte hintereinandergehängt, die für Italiener wahrscheinlich als nachmodellierte ’salume‘ oder ’salsice‘ zu identifizieren waren.

Bien saignant

Das Essen samt der mit ihm verbundenen Vorgänge ist ein grundlegendes Thema der bildenden Kunst. Schon gar das Fleisch: In den vorgeschichtlichen Malereien von Lascaux tritt es gleich in Rohform vor Augen. Die Tierknochen, die man in unmittelbarer Nähe der Darstellungen fand, verdeutlichen die enge, nachgerade leibhaftige Verbindung, die damals zwischen Bild und akuter Lebenswirklichkeit bestand. Die Nahrungsaufnahme wird in der Malerei transzendiert: Der Büffel an der Wand verheißt den Braten in der Hand. Zugleich erinnert er die Höhlenmenschen an die realen Voraussetzungen ihres Fleischkonsums: Jeder Knochen, an dem da genagt wurde, ist der habhafte Beleg für den existenziellen Hintergrund der Bilder. Eine vergleichbare Direktheit wird erst wieder die Moderne aufbringen, wenn etwa Lovis Corinth mit energischem Farbauftrag das ochsenblutrote und abgebrühte Innenleben der Schlachthöfe schildert, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Musterbetriebe des ernährungstechnischen Fortschritts zur Sicherung der Fleischversorgung in hoher Stückzahl galten. Corinth hat allerdings nicht…

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