Titel: Essen und Trinken II , 2002

KOCHEN

< HERD, FEUERSTELLE > KÜCHENSZENEN UND TISCHSITUATIONEN
< BEWIRTUNG

Bei den Eat Art-Events und Banketten von Daniel Spoerri wird nicht nur nach Ideen und Anweisungen des Künstlers gekocht, sondern Spoerri steht oftmals selbst in der Küche (s. das Interview in Bd. 159 und Stichwort „Essprotokolle“ in diesem Band). Und über Rirkrit Tiravanijas „Kunst als Dienstleistung“-Ästhetik bemerkte Jochen Becker in der „tageszeitung“: „Dem geselligen Künstler geht der Ruf voraus, stets auf Achse zu sein und beim jeweiligen Stopp in einem Kunstraum für die Anwesenden zu kochen. Ein New Yorker Galerieraum diente ihm als Kochecke für Thai-Food, zur Eröffnung der Biennale in Venedig servierte er Nudeln…“1 Auch im Pariser Museum für Moderne Kunst richtete er im Rahmen der Ausstellungsreihe „Migrateurs“ eine voll funktionsfähige Kochnische ein.

Gerade die Tiravanija-Projekte machen deutlich: Nicht erst der gesellige Verzehr der Speisen, sondern bereits die Zubereitung beinhaltet eine soziale Komponente. Hier wirken Verhaltensmuster aus jener Zeit nach, als die Mehrheit der Bevölkerung in Großfamilien zusammenlebte und für jede Mahlzeit größere Mengen an Gemüse geputzt werden mussten, weshalb die Küchenarbeit häufig von mehreren Händen gleichzeitig in Angriff genommen wurde. In den Behausungen dieser Großfamilien war die Küche in der Regel auch ein relativ großer Raum, der als kommunikatives Zentrum diente, während die heutigen Architekten bei Single-Appartements nur winzige Kochnischen einplanen.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg waren die Küchen und Hintertreppen der Bürgervillen Orte des Tratsches und mitunter auch der Kolportagen, und musikgeschichtlich entstanden in diesem Kontext die „Küchenlieder“, welche die Mägde beim Möhrenraspeln, Spargelschälen und Erbsenpuhlen sangen.

Im Gefängnis zum…

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