Titel: Essen und Trinken II , 2002

HUNGER

Im April 2000 luden der katholische Künstlerseelsorger Prälat Ludwig Schöller und die Künstler-Union Köln in den gotischen Dom ein. In einem feierlichen Akt wurde das Gero-Kreuz in einer Seitenkapelle für die Dauer der Fastenzeit mit einem Hungertuch verhängt, an dessen Stickereien die Künstlerin Martha Kreutzer-Temming neun Jahre lang gearbeitet hatte.

Die Tradition des mittelalterlichen „Hungertuchs“ hat man auch andernorts wieder aufgenommen. So schuf der Künstler Alfred Grimm 1999 ein Kruzifix-Objekt für das Hungertuch der altkatholischen Gemeinde in Bad Säckingen. Eher allegorisch ist hingegen Lili Fischers „Hungertuch“ zu begreifen, das sie 1989 in der Kasseler Produzentengalerie ausstellte: Eine schmutzige Tischdecke quoll aus einer Brottrommel. Dieses Hungertuch gemahnt zwar auch an das Fasten, dokumentiert aber im Unterschied zu seinen historischen Vorläufern Spuren der Sättigung.

Die Redensart „am Hungertuch nagen“ war für den mittelalterlichen Menschen bittere Realität gewesen. So wurden z.B. 1005/06 und 1009 weite Teile Europas von einer verheerenden Hungersnot heimgesucht. Naturkatastrophen und Klimaschwankungen führten auch sonst häufig zu Missernten. In solchen Situationen verzehrte man das eigentlich für die Aussaat vorgesehene Getreide, was jedoch die Lage der Bevölkerung dann nur noch verschlimmerte. Im Jahre 1033 soll es laut Überlieferung eines burgundischen Mönches sogar einen Fall von Kannibalismus gegeben haben. Einzig die Klöster waren im Früh- und Hochmittelalter in der Lage, eine Vorratswirtschaft zu betreiben. Erst später begannen auch die Kommunen, große Kornspeicher mit strategischen Reserven anzulegen, damit in Zeiten militärischer Belagerung für einen gewissen Zeitraum innerhalb der Stadtmauern eine autarke Versorgung gewährleistet war.

Hungerstreik

Der religiöse Fleischverzicht in der Passionszeit hatte mithin im Mittelalter und in…

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