Titel: Essen und Trinken II , 2002

KÜCHENSZENEN UND TISCHSITUATIONEN

< FEUERSTELLE HERD < KOCHEN

Jahrhundertelang lebte man in Europa in einer räumlichen Einheit von Kochen, Einnahme der Speisen, familiärer Kommunikation und sonstigem Wohnen: Die Häuser für das „einfache“ Volk hatten meistens nur eine einzige Feuerstelle. So war im Winter die Küche der einzige beheizte (und beheizbare) Raum, auf den sich die gesamte Haushaltsführung konzentrierte. Hier wurde auch Wäsche gewaschen und getrocknet, gebügelt, gestopft, genäht und gestrickt, hier wurden Wintervorräte präpariert, hier machten die Kinder ihre Schulaufgaben, las man Zeitung. Noch um 1960/70 war in den Arbeiterhaushalten der Altbauviertel eine solche Wohnküche der zentrale Ort des familiären Alltags gewesen. Das eigentliche Wohnzimmer benutzte man hingegen als „gute Stube“ lediglich an Sonntagen und wenn man Besuch hatte. Ein separates Esszimmer fand sich nur in den Häusern der Oberschicht und oberen Mittelschicht.

Woody Allen zeigt in einem seiner Filme, wie in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jh. auch gemeinsames Radiohören zum Sozialleben der Durchschnittsfamilien gehörte. Während in der Adenauer-Zeit das Radio im deutschen Arbeiter- oder Kleinbürgerhaushalt häufig in der Küche stand, hatte hingegen der Fernsehapparat von Anfang an seinen Platz im Wohnzimmer, kulinarisch begleitet von einer Schale mit Salzstangen und anderem Knabbergebäck.

Eine solche Wohnraumaufteilung markiert zwei sozialgeschichtliche Varianten der Küchen- und Tischgemeinschaften: Zum einen gibt es gemeinsame Mahlzeiten im Alltag, bei denen es am Tisch in der Küche nichts Besonderes zu essen gibt, weil diese Mahlzeiten nur der Sättigung dienen. Zum anderen zelebriert man im Wohnzimmer oder in gemieteten Festsälen größere Familienfeiern, Buffets und Bankette mit Gästen, „um Gemeinschaften herzustellen,…

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