Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 182
Titel: Essen und Trinken II , 2002

GESCHIRR UND BESTECK

Vor etwa zwanzig Jahren schuf der Maler Rainer Gross eine Werkserie, die blinkendes und glänzendes Essbesteck zeigt. Auch wenn das dargestellte Besteck selbst relativ banal ist, so kann man dennoch diese Bilder in der Tradition eines Willem Kalf sehen, der 300 Jahre zuvor die Lichtreflexe auf edlen Metallschüsseln und das Aufblitzen von Edelsteindekor an prunkvollen Trinkpokalen festgehalten hatte. In den alt-niederländischen Stillleben von Kalf und anderen Zeitgenossen kommt eine im Wortsinn schillernde Freude zum Ausdruck, die auf ein sehr intensives Verhältnis zur Wirklichkeit hindeutet. Rainer Gross indessen fokussierte seinen künstlerischen Blick nicht so sehr auf die Eigenheiten des realen Gegenstandes selbst, sondern konzentrierte sich auf die Erprobung malerischer Wirkungen.

In völlig anderer Weise visualisiert hingegen Ernst Hesse bei seinen Foto-Stillleben eine Lichtmodulation an der Oberfläche von Gläsern oder an einem indischen Vorratskrug: Ausleuchtung und Kameraeinstellung führen zu einer Bildästhetik mit klaren Hell-Dunkel-Kontrasten. Generell lässt sich bei einer kunstgeschichtlichen Einteilung bei den malerischen oder fotografischen Darstellungen von Geschirr und Besteck zum einen ein Interesse an formalen oder stofflich-materiellen Aspekt festmachen, zum anderen an den metaphorisch-allegorischen Repräsentationen, die solch ein Gedeck kultur- und sozialgeschichtlich transportiert. Einen dritten Bereich bilden jene metaphorischen Konnotationen, wie sie z.B. Klaus Staeck als Mittel der Ironie einsetzt, wenn er die Freiheit der Kunst unter einer Käseglocke abschirmt.

Im europäischen Mittelalter pflegte man in fast allen Bevölkerungsschichten kalte oder lauwarme Nahrung in der Regel mit den Fingern aus einer gemeinsamen Schüssel oder von einer großen Platte zu nehmen. Nur für heißes Essen griff man zum Löffel. Oft hatte…

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