Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 204
Titel: Essen und Trinken II , 2002

KANNIBALISMUS

< BLUT >TABUS

1998 führte der Hannoveraner Gastronom Sven Mostegl in seinem Restaurant „Sushi Island“ ein „Frauenessen“ ein. Zwei Models hatten sich für 800 Mark (408 Euro) Abendgage nackt auf einem Buffet ausgestreckt. Das männliche Publikum durfte mit Ess-Stäbchen Sushi-Rollen vom Körper der beiden Aktricen picken. Das fanden die „Lottofee“ Franziska Reichenbacher und die TV-Moderatorin Susanne Fröhlich „geschmacklos“. Sie konterten in einem Frankfurter Restaurant mit einem „Herrenessen“. Radiomoderator Marcus Rudolph -ebenfalls nackt auf dem Tisch liegend – gab seinen Körper als Anrichteplatte her. Statt Sushi lagen Scheiben von „Handkäs mit Musik“ auf seiner Brust.1

Neu war Mostegls Idee übrigens nicht. Schon Jahrzehnte zuvor hatte der Surrealisten-Exzentriker Salvador Dali sich an einer Tafel ablichten lassen, auf der ein weibliches Aktmodell lag, deren Körper kunstvoll mit Delikatessen dekoriert war. Das Motiv war damals – in prä-feministischer Zeit – als beliebtes Poster geläufig, an dem niemand Anstoß nahm: Schließlich waren die Geschlechtsmerkmale unter Früchten und anderen Zutaten verborgen, so dass auch die seinerzeit noch recht rührigen konservativen Sittenwächter keinen Anlass zur Aufregung sahen.

In der europäischen Religionsgeschichte lässt sich seit dem Mittelalter eine Ideologisierung des inquisitorischen Hexenwahns und seiner Verbindung mit Vorstellungen von „männermordendem“ sexuellen Verschlingen, d.h. mit einem untergründigen Kannibalismus ausmachen. Hans Werner Prahl und Monika Setzwein sehen in dieser Ideologisierung eine psychoanalytische Komponente der Ausübung von Macht, Gewalt und institutioneller Herrschaft: „Die mittelalterliche Vorstellung ging davon aus, dass der Verzehr von Menschenfleisch Zauberkraft verleihe, und die Begriffe ,Hexe‘ und ,striga‘ wurden synonym für ,Menschenfresser‘ verwendet… In etlichen Hexenprozessen wurden angeklagte Frauen bezichtigt, Kinder oder auch erwachsene Menschen gefressen zu haben. Psychologisch gesehen dürfte es sich in diesem Falle bei den kannibalischen Phantasien nicht nur um eine Dämonisierung weiblicher Triebhaftigkeit, sondern auch um eine Verschiebung im psychoanalytischen Sinne handeln… Frauen (wurden) vor allem deshalb Opfer der Hexenverfolgung, weil sie Kenntnisse über Geburtenverhütungen und Gebärtechniken hatten. Und dies war der Kirche… und der dominanten Männerwelt verhasst.“2

Daran anknüpfend beschreibt Nan Mellinger die Riten der Vermählung in den patriarchalischen Gesellschaften als „symbolische Einverleibung der Frau durch den Mann“ zwecks Übernahme und Beherrschung ihrer Fähigkeiten. „Der zum Kannibalismus umfunktionierte Geschlechtsakt dient der Erzeugung männlicher Vollständigkeit.“3 Mellinger verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der inspirativen Kraft der weiblichen Muse für den männlichen Künstler: Nicht die Idee der Fortpflanzung stehe hier im Zentrum des männlichen Vereinigungswunsches, sondern die „selbstverliebte Erhaltung“ der „eigenen Schöpfungskraft“. Salvador Dali hatte bekanntlich seine Frau Gala als Muse und Managerin, und er brachte einmal seine musischen Einverleibungsphantasien verbal auf den Punkt: „Ich esse Gala“.

Bereits 1980 wäre solch ein Dali-Buffet wie oben beschrieben von feministischer Seite als „sexistisch“ gebrandmarkt worden. So lag bei Daniel Spoerris Eat-Art-Festival „L’attrape tripes“ im März 1980 im Maison de la Culture von Chalon-sur-Saone „politisch korrekt“ ein männlicher Akteur auf dem Tisch. Tierische Innereien (Herz, Lunge, Leber, Milz, Pansen und Nieren) nahmen roh auf dem Körper eines Kunststudenten genau die Stelle ein, wo sich beim Menschen die entsprechenden Organe befinden. Rechts und links von dieser Körper-Inszenierung goutierten die Gäste währenddessen Leber und Nierchen. Die Dichtiomie zwischen biologischer Organik, rohem Fleisch aus der Metzgerei und den zubereiteten Speisen verdarb indes niemandem den Appetit.4

Anders verlief hingegen eine Vernissage des Künstlers Georgy Bretschneider: Er hatte Ende der 80er Jahre in der Dürener Galerie „Die Treppe“ eine Menschenfigur aus Fleisch nachgeformt – die Installation war zugleich als Vernissagenbuffet gedacht; aber da man fürchten musste, das Hackfleisch sei in der Wärme des Ausstellungsraumes längst verdorben, weil es auch schon ein wenig streng roch, griff letztlich kein einziger Besucher zu. Im Mai 2000 bildete -wie bereits an anderer Stelle erwähnt- in ähnlicher Weise die Silhouette einer Menschenfigur aus Rindfleisch den Ausgangspunkt einer Performance von Robert Reschkowski.

Solche Körper-Buffets in der Kunst und in der „Erlebnisgastronomie“ spielen ganz direkt auf das Phänomen des Kannibalismus an. Sie stellen eine völlig harmlose, weil nur symbolische Tabudurchbrechung dar: Es wird von einem Körper gegessen oder die Nachbildung eines Körpers verzehrt, dies allerdings durchaus mit einer gewissen Frivolität.

Die Psychologin Gisla Gniech unterscheidet zwischen drei Arten von Kannibalismus: Bei diesem „symbolischen Kannibalismus“ werde „nicht tatsächlich Menschenfleisch gegessen“, sondern es fände „ein sinnbildliches Verzehren des anderen“ statt, wie dies auch die gleichnishafte Redewendung „Mit den Augen verschlingen“ ausdrücke oder die Liebeserklärung: „Ich hab‘ dich zum Fressen gern“.

Die Transsubstantiation von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi beim kirchlichen Abendmahl und der Leichenschmaus nach der Beerdigungszeremonie sind ebenfalls solche Akte des „stellvertretenden Verzehrs“. Beim Totenmahl soll der Verstorbene durch das gemeinsame Essen der Hinterbliebenen von seinen Sünden befreit werden. Lebkuchenmänner und Schokoladen-Nikoläuse repräsentieren in ihrer Nachbildung von Menschenfiguren ebenso eine Variante des symbolischen Kannibalismus.

Dann gäbe es aber noch den profanen „realen Kannibalismus“ aus Hunger oder Nährstoffmangel und den rituell-magischen, „real-symbolischen“ Kannibalismus mit dem Verspeisen „mutiger Gegner“ oder auch nur deren Herzen und Hoden, „um sie erstens zu vernichten und zweitens den Mut sich selbst einzuverleiben“5. Der Vampirismus ist in dieser Unterscheidung als eine Spielart des magischen Kannibalismus anzusehen.

Den Körper eines Menschen zu verspeisen ist in der Menschheitsgeschichte allerdings neben dem Inzest-Tabu das älteste kulturenübergreifende Verbot. Denn im darwinistischen Sinne liefe es ja dem Gesetz der Arterhaltung zuwider, wenn wir uns gegenseitig verspeisen würden, und emotional ist natürlich für jeden Menschen die Vorstellung ziemlich schrecklich, nach unserem Tode würde unser Körper aufgegessen. Noch viel schlimmer als ein Menschenopfer ist Nahrungsinzest, wenn gar ein Mitglied der eigenen Familie verzehrt wird.

Gisèle Harrus-Révidi bemerkt dazu: „Essen bedeutet, einen Teil der Welt in den eigenen Körper aufnehmen und ihn sich zu eigen machen… Das Verbot des Kannibalismus, dessen Essen vom selben oder vom anderen, der mir ähnlich ist, bildet den Sockel… sämtlicher Ernährungsverbote… Für die Psychoanalyse…besitzt die kannibalische Einverleibung den Status eines Phantasmas…“6

Daher meinen Hans Werner Prahl und Monika Setzwein unter Berufung auf die Forschungsergebnisse der jüngeren Ethnologie, „dass die Mehrzahl der Berichte über Menschenfresserei unplausibel und nicht durch nachprüfbare Beobachtungen gedeckt seien“7. In Cartoons findet man immer wieder Bilderwitze mit einem Missionar im Kochtopf: Dies ist ein Ausdruck von Abwehrverhalten durch Umdeutung ins Komische.

Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit die Berichte über die Menschenopfer etwa der Azteken tatsächlich als seriös verbürgt sind. In vielen Fällen dürften allerdings die Kannibalismus-Erzählungen der Phantasie kolonialistischer Eroberer entsprungen sein, die damit ihre eigenen Gräueltaten rechtfertigten.8 Kannibalismus-Motive als Teil der Mythologie finden sich in der alt-griechischen Tragödie ebenso wie in afrikanischen Volksmärchen.

Tatsachenberichte von „Ausnahmesituationen“, in denen etwa die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes die tödlich verunglückten Mitreisenden verspeist hätten, oder von einem sogenannten „kriminellen Kannibalismus“ psychopathischer Mörder sind allerdings selten – selbst in den schrill-bizarren Boulevardmedien.

Gisla Gniech: „Meist wird der echte Kannibalismus…, weil er mit Töten, Aggression und Greueltat assoziiert wird, in frühere Zeiten oder ferne Länder verlegt. Dies geschieht besonders auch deshalb, weil dadurch die eigene Gesellschaft gegenüber diesen ,primitiven‘ Völkern als sozial hochstehend eingestuft werden kann. Er dokumentiert also eine Abwehrhaltung. Ein realer Kannibalismus ist entweder gewaltsame Aneignung von Körpern im Krieg, wo der Feind als wanderndes Vieh angesehen wird, oder aber Teil einer Trauerzeremonie, wo die eines natürlichen Todes gestorbenen Angehörigen vertilgt werden.“9

Mythen und Märchen zeigen immer wieder in direkter oder verschlüsselter Weise Darstellungen des „Verschlingens und Verschlungenwerdens“. Prahl/Setzwein sehen den Ursprung dieser Phantasien tiefenpsychologisch in der ontogenetischen Erfahrung des Säuglings, vom Mutterleib getrennt zu werden: „Diese Trennung erzeugt tiefsitzende Ängste, die mit offenen Begrenzungen des Körpers verknüpft sind. Diese Verletzlichkeit der eigenen Körperidentität kann besetzt werden mit der Angst, von übermächtigen Kräften verschlungen zu werden. Der labile Zustand… kann auch die Gegenbestrebung hervorrufen, nämlich den Körper des Anderen… verschlingen zu wollen…“10

Auch Gisèle Harrus-Révidi beschreibt, wie die frühkindliche „Entwicklungslinie Einverleibung-Introjektion – Identifikation“, die „parallel zu den präödipalen Schwierigkeiten“ verlaufe, vor allem bei männlichen Wesen durch die Beziehung „zur Nahrung seiner Mutter“ konditioniert sei: „Demgemäß stellt man mit großer Regelmäßigkeit in Phasen psychischer Traumata oder der Trennung von einem Beziehungspartner eine Rückkehr zur mütterlichen Kochweise fest.“11

Die Entstehung mancher literarischer Bilder hatte freilich auch einen realen, ökonomischen Hintergrund: Als die Gebrüder Grimm im 19. Jh. eine Sammlung deutscher Volksmärchen zusammentrugen, spielte in der überlieferten Fassung von „Hänsel und Gretel“ mit den Motiven „von Hungersnot…. ungehemmter Gefräßigkeit und Naschsucht, geplanter Kinderfresserei, einer gebratenen Hexe…“ oder im Märchen von „Rotkäppchen“, das samt seiner Großmutter vom Wolf verschlungen wird, wohl auch „die extreme Nahrungsknappheit zur Biedermeierzeit“ eine wichtige Rolle.12

In den Hungersnöten des Mittelalters soll tatsächlicher Kannibalismus vorgekommen sein, obwohl die Ethnologie einen Kannibalismus aus existenzieller Not in Frage stellt: „Ein Kannibale wird nur in einer Gesellschaft von Kannibalen verzehrt, das bedeutet, dass der Kannibalismus praktisch immer eine Institution, niemals aber die Übertretung eines Verbots darstellt.“13

Dass im Rotkäppchen-Märchen ein Tier, nämlich der Wolf, als verschlingendes Wesen in Erscheinung tritt, ist als eine „Antithese zur Zivilisation“ zu interpretieren: Es gehört nämlich zu den Errungenschaften dieser menschlichen Zivilisation, „sich nicht mehr den Tieren gleich von unbearbeiteten Naturvorkommnissen zu ernähren“. Dies bedeutet z.B., Fleisch nicht roh zu essen, sondern durch Erhitzen „kulturell zu bearbeiten“, und dies bedeutet natürlich erst recht, nicht den eigenen Artgenossen zu verspeisen.

„Mühsam hat sich der Mensch an die Spitze der Nahrungskette gekämpft, und diese Stellung scheint von all dem in Frage gestellt zu sein, was die Hierarchie von Mensch und Tier untergraben könnte… Der Kannibalismus dient als Metapher, die die Unantastbarkeit der Grenze zwischen uns und dem Anderen bekräftigt, zwischen Menschen und Nicht-Menschen, zwischen Zivilisation und ihren Ressourcen.“14. So siegt im „Happy End“ dieser Grimm’schen Märchensammlung immer das Humane über das Animalische, d.h. das Gute über das Böse, das kulturell Höherstehende über das Triebhaft-Niedere.

In der „natürlichen“ oder „wilden“ Lebensweise der paläolithischen Jägerkulturen war die „Lust auf Fleisch“ keinen „kulturellen Beschränkungen“ unterworfen. Mit dem Übergang zu einer „zivilisierten“ sesshaften Agrarkultur verbindet sich jedoch auch ein Rückgang des Fleischkonsums, bedingt durch energiewirtschaftliche Gründe.

Doch in den Köpfen der Hirtennomaden blieb das „Urtrauma“ der „Bedrohung durch Raubtiere und die Erfahrung des Gefressenwerdens“ lebendig, das sich dann auf religiöse Opferrituale und auf die Institutionalisierung einer zivilen Ordnung überträgt. „Das Fleisch für die Götter als Zugeständnis an bedrohliche Mächte war ursprünglich der Mensch, der einem Raubtierangriff zum Opfer fiel. Aus dem Raubtier wurde ein Gott, der nun… für eine Fleischmahlzeit seinen Tribut forderte – kaum anders haben sich vormals die Menschen als Aasfresser von den Beuteüberresten der Tiere ernährt“, schreibt Nan Mellinger.15 Das Menschenopfer in manchen Riten – so angeblich bei den Azteken – ist mithin als eine zeremonielle Nachbildung des Raubtierangriffs zu deuten.

Im Alten Testament wird das archaische Menschenopfer durch ein Tier ersetzt, wenn Abraham nach einer Intervention des göttlichen Engels schließlich doch nicht seinen Sohn Isaak opfert, sondern stattdessen einen Widder (1. Mose 22). In der Geschichte der Mythologien und der Religionen ist schließlich nicht nur eine Verdrängung des Kannibalismus auszumachen, sondern auch eine zunehmende ethisch-kulturelle Beschränkung der Lust auf Fleisch. Zu den wesentlichen Lehrsätzen des Christentums gehört bekanntlich die Gleichsetzung von Fleisch und Sünde – und zwar nicht nur in Hinsicht auf den untergründigen Kannibalismus im eingangs erwähnten Hexenwahn. Die Verdammung der Fleischeslust betrifft nämlich den generellen Kanon der kirchlichen Sexualmoral, und sie spiegelt sich zugleich auch in den Fastengeboten wider.

Jürgen Raap

Anmerkungen:
1.) in: „Express“, Köln, 23. 10. 1998
2.) Hans-Werner Prahl, Monika Setzwein, „Soziologie der Ernährung“, Opladen 1999, S. 156
3.) Nan Mellinger, „Fleisch“, Frankfurt/New York 2000, S. 148
4.) Daniel Spoerri erwähnt in seinem „Gastronomischen Tagebuch“ (Hamburg 1995, S. 33 f.), dass schon die Künstlerin Meret Oppenheim anlässlich einer Surrealisten-Ausstellung in Paris ein „Nacktmahl“ inszeniert hatte, bei dem das Model allerdings ein fleischfarbenes Trikot getragen haben soll. Ein Globetrotter namens Bill Travis erzählte Spoerri von einem Festmahl der Zauberer auf der Insel Pemba im Norden von Sansibar: Zur Initiation der Zauberlehrlinge dekoriert man den Körper eines nackten Mädchens mit Meeresfrüchten. Die Lehrlinge müssen diese Speisen nur mit den Lippen essen, ohne die Hände zu benutzen. Zwischen den kulinarischen Köstlichkeiten liegen vergiftete Gräten: „Kommt aber die kleinste, durch die scharfen Muschelschalen verursachte Kratzwunde auf den Lippen mit dem Gift in Berührung, so stirbt der Neophyt. Das sei gottgewollte Auswahl, sagen sie“.
5.) Gisla Gniech, „Essen und Psyche“, Berlin/Heidelberg 1995/96, S. 153
(6) Gisèle Harrus-Révidi, „Die Kunst des Geniessens“, Düsseldorf/Zürich 1996, S. 85 f.
7.) Prahl/Setzwein, ebenda, S. 157
8.) Prahl/Setzwein, ebenda, S. 157
9.) G. Gniech, ebenda, S. 153
10.) Prahl/Setzwein, ebenda, S. 157/158
11.) Gisèle Harrus-Révidi, ebenda, S. 173 f.
12.) G. Gniech, ebenda, S. 159
13.) Gisèle Harrus-Révidi, ebenda, S. 94
14.) Nan Mellinger, ebenda, S. 59
15.) Nan Mellinger, ebenda, S. 51 ff.