Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 148
Titel: Essen und Trinken II , 2002

EIER

In Luis Buñuels surrealistischem Film „Le chien andalou“ (1927) gibt es die berühmte Szene, in der ein Rasiermesser ein menschliches Auge durchtrennt, das sich dann während des Schnitts in ein auslaufendes Ei verwandelt. Diese brutale Vorführung der Empfindlichkeit und Verletzlichkeit des Sinnesorgans in Verbindung mit der Zerbrechlichkeit des Hühnereies fand das damalige Kinopublikum ziemlich schockierend.

Varieté-Illusionisten zeigen gerne Tricks mit Eiern, die unter Tüchern verschwinden und dann unverhofft vom Zauberer wieder ausgespuckt werden. Daran kann man bei der Betrachtung von Christine Biehlers Videoskulptur denken, die auf drei Monitoren die Performance „EINEI“ (1993) wiedergibt. Eine „elegant schwarzgekleidete Frau mit armlangen, hautengen roten Gummihandschuhen“ mischt sich unter eine Festgesellschaft und schiebt „unvermittelt einen weißen runden Gegenstand aus ihren rotgeschminkten Lippen“, lässt ihn „danach wieder in ihrem Mund verschwinden“.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser weiße Gegenstand als hartgekochtes und geschältes Ei, das von der Akteurin „mal unendlich vorsichtig und langsam, mal nervös zuckend in verschiedenen Rhythmen hin- und hergeschoben und wieder eingesaugt“ wird.1 Diese Vorführung von Einverleibung und Ausspeien hat natürlich einen eindeutigen erotischen Charakter. Einerseits ist die Performance als eine auf den unmittelbaren theatralischen Ausdruck zielende Körperaktion zu beschreiben. Die visuelle Inszenierung hat einen aktionistischen Selbstzweck. Andererseits drängt sich aber auch die Deutung auf, es handele sich um die Vorführung tiefenpsychologischer und mythologischer Bedeutungen, die sich mit „Ei“ assoziieren lassen: Die weibliche Eizelle und die Eihülle bei den Brütern im Tierreich als Ursprung des Lebens (s. hierzu auch Interview mit Daniel Spoerri).

Im Vordergrund steht die dramaturgische Wirkung des Farbkontrasts rote Lippen-weißes Ei. In der medialen Nahaufnahme dominieren Farbe und Hautstruktur der geöffneten Mundpartie über die Form, das Volumen und die Konsistenz des Hühnereis – Video und Foto konstituieren somit eine eigene Bildwirklichkeit gegenüber der realen Aktion.

Tom Koesels Objekte mit Eiern hingegen spielen mehr oder weniger direkt auf die Realität von Legebatterien und auf Eier als massenhafte Handelsware an. 1988 stellte er in der Bremer Produzentengalerie „Lehnstedterstraße“ die Frage: „Können Spiegeleier fliegen?“ Im gleichen Jahr präsentierte Koesel in der Kölner Galerie Zimmermann-Franken die Edition „Eierkasten“. Wiederum in Bremen montierte Koesel 1990 „Spiegeleikäfige“ an Straßenlaternen. Außerdem bestückte er eine Weser-Fähre und die Essensausgabe eines Strandcafés mit diesen Objekten. Der „Weser-Kurier“-Kritiker Detlef Wolff sah darin einen Verweis „auf die frühe Rigorosität eines Man Ray“ und eine „Reverenz vor dem Surrealismus Max Ernsts“2.

Bereits damals waren in diesen Arbeiten ökologische und landwirtschaftspolitische Aspekte offensichtlich, auch wenn sie nicht unbedingt das Hauptanliegen der künstlerischen Äußerung ausmachen. Denn schon vor zwanzig Jahren begannen Tierschützer massiv gegen die Legebatterien zu protestieren, in denen jedes Tier nicht mehr an Fläche als ein DIN A 4-Blatt zur Verfügung hat. Später kam auch noch der „Eierbaron“ Anton Pohlmann ins Gerede, als bei den Produkten aus seinem Massenstall diverse Laborproben zum Nachweis von Nikotinrückständen geführt hatten.

Dass Eier Nahrungsmittel sind, spielt bei Koesel inhaltlich schon eine Rolle. Primär arbeitet er jedoch mit der Flüssigmasse zerschlagener Eier als künstlerischem Material bzw. als aktionistischer Substanz, und manchmal bereitet er aus ihnen kochtechnisch Objekte, die nicht verzehrt werden sollen: 1989 hatte er zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution in der Kölner Galerie von Olaf Zimmermann und Brigitte Franken Eier mit einer nachgebauten Guillotine geköpft und den auslaufenden Inhalt in einer untergestellten Pfanne aufgefangen: „Millimetergenau saust das Fallbeil herab, die Schale platzt, das Eigelb spritzt… Nicht nur ein Gag zum Gackern, sondern Sinnbild für den blutigen Alltag der Revolution nach 1789“, urteilte das Boulevardblatt „Express“3. Die anschließend gebratene Eimasse hing Koesel dann an Wäscheklammern in der Galerie auf. Titel: „Das Fool-Proof-Verfahren“.

Ähnlich ist die Installation „Gut abgehangen haltbar bis 11/99“ zum 10-jährigen Bestehen der Kölner Kaos-Galerie konzipiert. Seit 1995 hängen dort auf der Toilette sechs angeschrumpelte Koeselsche Spiegeleier. Besagte Jubiläumsausstellung trug den Titel „Essen und Trinken“, und Hausherrin Marianne Tralau hatte dazu „alle Räume ihrer Galerie mit ihren Stickers und der etwas merkwürdigen Parole markiert: ,Schutz dem ungeborenen Leben – keine Eier auf dem Frühstückstisch“4.

Tom Koesels Beiträge zum Thema „Kunst und Essen“ bestehen aber nicht nur aus Transformationen von Eiern. 1992/93 entwarf er z.B. einen „Brotraser“ – ein Brotlaib auf Rädern als Rennauto. 1994 war auf der Kunstmesse ART COLOGNE in der Koje der Galerie Zimmermann-Franken ein Koeselscher „Jungbrunnen“ mit Kresse- und anderen Sprösslingen zu sehen.

Jürgen Raap

Anmerkungen:
1.) Christine Biehler, Konzeptbeschreibung
2.) Detlef Wolff, in: „Weser-Kurier“, Bremen, 2. Juni 1990
3.) „Kunststück: Guillotine für Eier“, in: „Express“, Köln, 14.7. 1989
4.) Uta M. Reindl, „Essen und Trinken“, in: KUNSTFORUM Bd. 131, 1995, S. 422