Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 225
Titel: Essen und Trinken II , 2002

KONSERVIERUNG

Jakob De Chirico und Massimo Lunardon präsentierten auf der Innsbrucker Kunstmesse 1997 ein Glas-Multiple mit „gepellten Gummiherzen“, als ob es sich dabei um konservierte Baumfrüchte handeln würde. In der realen Süßwarenindustrie gibt es tatsächlich Lutscher in Herzform und Lebkuchenherzen. Solche Naschereien folgen einer metaphorischen und keineswegs einer kardiologischen Begrifflichkeit: Dadurch haben diese essbaren Herzen eine Nähe zum „symbolischen Kannibalismus“. Die beiden Künstler transformierten ein kulturelles Zeichen (=Symbol für Liebe) in ein Auflagenobjekt, dessen künstlerisch ausgewiesene „Haltbarkeit“ sowohl auf das Konservatorische im Kunst- und Museumsbetrieb rekurriert als auch das Prinzip des Einmachglases in der Küchentechnik ironisiert.

Mit der Etikett-Aufschrift wie bei einer tatsächlichen Glaskonserve im Supermarkt wird der Inhalt als verzehrbar ausgewiesen, wobei aber der Käufer eines solchen Multiples dieses wohl kaum erstanden haben dürfte, um anschließend ein Kunstwerk aufzuessen. Ob also das Herz im Glas tatsächlich genießbar wäre oder nicht, ist letztlich nebensächlich, es geht vielmehr um die bloße Mimesis eines Einweckglases.

Als multipliziertes Auflagenobjekt spiegelt dieses Herzglas allerdings zugleich das Prinzip der massenhaften Vervielfältigung von Industriegütern und ihre Standardisierung wider: Frisch vom Baum gepflückte Birnen mögen hart oder weich sein, sie mögen sauer oder süß-reif schmecken, aber jede in der Fabrik erhitzte, dann in Saft und Zucker eingelegte und in die Büchse eingeschweißte Dosenbirne schmeckt bekanntlich genauso wie alle anderen.

Die Gleichförmigkeit der Elaborate einer Industriekultur ist in den sechziger Jahren eines der Generalthemen der Pop Art gewesen. Weder bei den Bierdosen-Bronzeskulpturen von Jasper Johns (1960) noch bei den „Campbell’s“-Suppendosen als Bildmotiv bei Andy Warhol geht es um die konkreten kulinarisch-geschmacklichen Inhalte….

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