Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 176
Titel: Essen und Trinken II , 2002

FRÜCHTE, OBST UND GEMÜSE

Das Stillleben ist eine kunsthistorische Gattungsbezeichnung, die ein Arrangement von leblosen (=stillen) Gegenständen meint. Dem niederländischen Begriff „still leven“ und dem deutschen Wort „Stillleben“ entspricht die französische Bezeichnung „natur mort“. Sie spiegelt die Auffassung wider, dass der Zustand des Totseins ein Zustand der ewigen Ruhe ist – unabhängig von der realen Verwesung des Körperlich-Organischen ist es ein Zustand, in welchem Zeit keine Rolle (mehr) spielt.

So sind in der Tiefenstruktur des „natur mort“-Bildes Vorstellungen von der Totenruhe und von physikalischer Unbeweglichkeit verankert. Bilder mit Stillleben halten keinen Ablauf fest, bei dem es ein Vorher und ein Nachher gäbe; sie zeigen keine eingefrorene Bewegung, sondern eine Situation, die sich aus sich selbst heraus nicht verändern könnte.

Stillleben mit Obst stellen etwas dar, was erntefrisch früher nur saisonal begrenzt verfügbar war. Heute gibt es freilich auch im Winter frische Erdbeeren aus Ägypten und reife Kirschen aus Chile. Als ob es angesichts dessen um eine verstärkte Rückbesinnung auf den Todescharakter ginge, der dem Stillleben grundsätzlich innewohnt, malte Dieter Kraemer nicht eine Schale mit frisch Gepflücktem, sondern ein „Kirschenglas“ (1996) mit eingelegten Früchten.

Das klassische Obst-Stillleben, wie es aus der altmeisterlichen Malerei überliefert ist, hatte sich auch in der Epoche der Moderne eigenartigerweise nicht abgenutzt. Paul Cézanne arrangierte 1895 Früchte auf einem Teller; aus dem Jahr 1899 stammt eine Buffet-Darstellung von Henri Matisse. Ein halbes Jahrhundert später vereinigt Hans Purrmann 1949 gleich drei typische Stillleben-Motive in einem Bild: Krug, Obstschale und Blumenvase. Von Meret Oppenheim stammt die veristisch gemalte Aufsicht auf einen Obstteller, dessen…

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