Titel: Essen und Trinken II · von Jürgen Raap · S. 188
Titel: Essen und Trinken II , 2002

GESCHMACK UND GERUCH

Im Sommer 1995 verwandelte sich das Museum für Gestaltung Basel für vier Monate in ein Duftmuseum. Die Ausstellung „Aroma, Aroma“ versuchte, „Zusammenhänge zwischen Duft und Design“ herauszustellen und die „Macht des Dufts“ in unserem Alltagsverhalten zu belegen. Psychologen wissen längst, dass beim ersten Kontakt zu einem anderen Menschen dessen Geruch entscheidet, ob wir ihn sympathisch finden oder nicht: „Ich kann den nicht riechen“, sagen wir über jemanden, der uns zutiefst unsympathisch ist. Mit Parfums und Deodorants versuchen wir, den eigenen Körpergeruch zu überdecken.

Zu den grotesken Auswüchsen der Stasi-Schnüffelei in der DDR gehörte ein Geruchskataster: Die Beamten des Mielke-Ministeriums sammelten Geruchsbelege sogar aus dem Intimbereich der Oppositionellen – von Stühlen, auf denen die Dissidenten beim Verhör gesessen hatten oder von Unterwäschestücken, welche ein Spitzel aus dem sozialen Umfeld des Opfers konspirativ an sich gebracht hatte.1

Beim Einkauf auf dem Wochenmarkt oder bei der Bestellung an der Imbisstheke handeln wir nach der Überzeugung: Was gut riecht, das schmeckt auch gut. In der Basler „Aroma“-Ausstellung begleiteten daher synthetische Ausdünstungen die visuell rezipierbaren Exponate, z.B. Diaaufnahmen von Lebensmitteln. Inzwischen ist aber schon längst eine industrielle Auswertung solch künstlicher Geruchsausströmungen unternommen worden: Die Nahrungsmittelindustrie lässt nichts unversucht, um uns zum Konsum von Erdbeerjoghurt und Croissants zum Selbstaufbacken zu verführen. Sie mischt nicht nur den essbaren Substanzen künstliche Aromastoffe bei, sondern versucht künftig auch die Räume des Lebensmittelangebots olfaktorisch zu beeinflussen. Unlängst entwickelte nämlich die Düsseldorfer Firma „aerome“ eine Apparatur mit Duftdüsen, die an den Tiefkühlregalen der Supermärkte das Aroma von Vanilleeis, ofenfrischer Pizza oder…

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