Ausstellungen: London · S. 283
Ausstellungen: London , 1987

Christiane Bergob

Brief aus London

Jedesmal, da sind sich eine Menge Exildeutscher, -Franzosen, -Italiener etc. einig, wenn man zurück nach London kommt, gutes Essen, guten Wein, anständiges Bier, lange Nächte und fördernde Gespräche hinter sich gelassen hat, kommt der Katzenjammer. Dann helfen nur ellenlange Telefongespräche mit Leidensgenossen, die so stark patriotische Züge aufweisen, daß die Daheimgebliebenen uns nicht wiedererkennen würden! Was hat uns hierher verschlagen? Und ganz langsam, nachdem wieder mal über weißes Gummibrot, durchsichtigen Kaffee, zugige Fenster, schlechte Kunst, blutarme Männer, Ehe-mann-fixierte Frauen, krasse Klassenunterschiede und vieles mehr hergezogen wurde, beginnen wir mit dem Aufbau. Da ist es plötzlich gut, dem Kölner Tratsch, dem Frankfurter Geld, dem gestylten Düsseldorf, der Münchner Schickeria, der Hamburger Kälte oder der geliebten, aber zu nahen Familie entwichen zu sein. Dann loben wir, daß man individualistischer leben kann, daß man sich zurückziehen kann ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, daß man namenloser lebt, und daß gerade dieser Wechsel von Heimat zu Exil uns vieles bewußter macht. Daß unsere Berliner Mauer – der Kanal – Überfluß und Konsumgier von uns abhält, ja, uns davor schützt! Und während schon der Himmel draußen schöner wird und wir unseren lieben Freunden von unserem »Westpaket« auftischen, kommen plötzlich ganz unsinnige Glücksgefühle. All die riesigen, makellosen Galerieräume mit riesigen Bildern für riesige Preise, mit dicken Katalogen, die von Förderpreisen, Stipendien und internationalen Ausstellungen erzählen, wo es stapelweise und selbstverständlich Ektachrome gibt und »Jungtalente«, die schon jetzt vor Geld und Selbstbewußtsein strotzen, das in keinem Verhältnis steht – es sei denn zu dem des…

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