Gespräche mit Künstlern , 1987

„Ich selbst sehe mich in dem Opfer“

Leon Golub
im Gespräch mit Doris von Drathen

DvD: In ihren Bildern gibt es eine sonderbare enge Beziehung zwischen Opfer und Unterdrücker, es wirkt auf mich beklemmend so, als bestünde zwischen beiden so etwas wie eine psychische, intime Verbindung.

LG: Das kann ich nur erklären, wenn ich einfach mein Vorgehen beschreibe; dann wird alles ganz einfach: Ich selbst sehe mich in dem Opfer, kann meine eigene Rolle mit der Gestalt des Opfers visualisieren; aber gleichzeitig verstehe ich auch den Unterdrücker, oder den Sieger – in dieser Rolle finde ich mich ebenso wieder; aber darüber hinaus, und das ist vielleicht das Wichtigste: Ich bin auch der Voyeur, ein Beobachter; Beobachter ist vielleicht das bessere Wort, weil ich nicht das Vergnügen eines Voyeurs empfinde, und ich bin der Dirigent, der diese drei Rollen zusammenbringt. Ich prüfe mich selbst, wie ich mich in diesen Rollen bewege, wie ich von der einen zu der anderen wechsle. In verschiedenen Situationen spielen wir verschiedene Rollen. Ich kann im Job etwa die Rolle eines Opfers haben, zu Hause aber als Sieger auftreten, ich kann der Geliebten, der Ehefrau, dem Sohn oder der Tochter gegenüber mal Opfer, mal Sieger sein, man kann von der einen Rolle in die andere gleiten. So ist zum Beispiel ein Gewalttäter ganz oft ein Feigling, der mit seiner Tat sein schwaches Selbstbewußtsein stärken will; in anderen Situationen tritt seine Feigheit dann ganz deutlich zutage; genau an diesem Wechselspiel bin ich interessiert.

DvD: Ist diese Beziehung zwischen Opfer und Täter nicht…

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von Doris von Drathen

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