Magazin: Publikationen , 1999

Das unsichtbare Meisterwerk

Die modernen Mythen in der Kunst

Der Begriff des Meisterwerks taucht in der Rhetorik der Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem als Ziel spöttischer Ablehnung auf. Mit ihm wurde versucht, eine Einstellung zur Kunst zu denunzieren, die sich in der Verklärung ungerechter sozialer Verhältnisse durch die Figur des Genies und der mit ihm verbundenen Abgehobenheit zu erschöpfen schien. Inzwischen ist dieser Spott zu einem verbreiteten Klischee geworden. Auch die Medien bedienen sich seiner ohne Umstände, und geben damit der Identität einer Gesellschaft Ausdruck, die beansprucht, das neunzehnte Jahrhundert überwunden zu haben.

Zumindest für die Form, die die Kunst unter den historischen Bedingungen der westlichen Moderne angenommen hat, bestreitet Hans Belting diese Auffassung ins seiner neuen Studie. Ihre symbolische Rolle, die vor allem mit der Übernahme vormals religiöser Funktionen zu ihrer heutigen Bedeutung kam, war seit den Tagen der Französischen Revolution durch eine Art Überlastung gekennzeichnet. Das trieb sie nicht nur zur Konformität mit den rigorosen Motiven des Fortschrittsglaubens, sondern provozierte auch das Phantom des absoluten Meisterwerks. Als eine Art von Kompensation der prekären Lage, in die die Kunst geraten war, zeichnete es sich nicht nur durch seinen zentralen Stellenwert, sondern auch durch seine Unerreichbarkeit aus. Am nächsten schienen ihm konkrete Werke zu kommen, wenn sie den Charakter des Fragmentarischen oder des Unvollendeten aufwiesen. Nur als Mythos konnte die dem Alltag enthobene Idee gleichzeitig aufrechterhalten werden Ursache von Produktivität bleiben.

Belting, der bereits das Ende der Kunstgeschichte nicht nur prognostiziert, sondern sogar für ausgemacht gehalten hat, unternimmt damit erneut eine historische Lektüre…

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von Michael Hauffen

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