Monografie · von Martin Pesch · S. 212
Monografie , 1999

Martin Pesch

Die Welt als Bild

ZUR MALEREI VON BERNHARD MARTIN

Auf einem Foto, abgedruckt in Bernhard Martins 1994 erschienenen Katalog „Ein Bad in der Menge“ sieht man eine vollgestellte Kammer, schmuddelig und unordentlich. Eine bemalte Leinwand ragt in den kleinen Raum hinein, an dessen Wänden vereinzelte Bilder hängen. Auf dem Boden leere Flaschen und Gerümpel, das sich an der Wand hochtürmt. Die Tapete auf der einen Seite ist abgekratzt, als ob eine nervöse Katze es nicht ausgehalten hat. Davor das Bett mit zerknüllter Wäsche. Darüber steht ein kleines Fenster offen, es bildet auf dem Foto einen weißen Fleck, in dem außer gleißendem Weiß alles unsichtbar wird. Ihm gegenüber, nach unten versetzt, genau an der Bettkante, steht ein Fernseher. So nah an der Matratze, daß jeder, der dort liegt, den gesendeten Bildern unerträglich dicht ausgesetzt sein muß. An diesem Foto – obwohl vor Jahren veröffentlicht und unscheinbar plaziert – läßt sich Martins Herangehensweise an das Bildermachen ablesen.

Abgesehen davon, daß dieses Foto wahrscheinlich nicht ohne Absicht das Klischee der Künstlerexistenz aufgreift in Form einer engen Klause, in der mehr Elend als Glamour zutage tritt, liegt zwischen dem Bilderstrom des Fernsehers und dem leeren Bild der sonnendurchfluteten Fensteröffnung, der Künstler. Auf dem Bett dort, durchwühlt und ausgewälzt nach unruhiger Nacht, lauern böse Fragen: Wie kann man selbst noch ein Bild machen, wenn man bis in den letzten Winkel von den technisch produzierten und medial längst verwerteten verfolgt ist? Wie ist das Bild zu retten, wenn es Gefahr läuft, im ununterbrochenen Bilderstrom (nicht nur des Fernsehens)…

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