Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Marc Augé

Ein Ethnologe am Strand

Letzter Sonntag im Juni. Zeiteinteilung, Raumbesetzung, Körpereinsatz: So müßten die Grundbegriffe einer Ethnologie des Strandes lauten. Zwei junge Frauen hatten mich kurze Zeit zuvor auf diese Spur gebracht. Sie hatten sich in gelenkigem Körperschwung aufgerichtet, die Oberteile ihrer Bikinis wieder angelegt, um ihre Kinder zu rufen und an einem Nebentisch den gleichen thailändischen Salat zu bestellen, den ich schon gekostet hatte. Die Zeiteinteilung am Meer ist überaus konventionell. Morgens ist der Strand dünn bevölkert. Mittags wird gegessen. Die Spitzenzeiten liegen am Nachmittag. Recht früh kehrt man dann nach Hause oder ins Hotel zurück.

Durch die charakteristische Inaktivität des Strandlebens (die ausgestreckte Körperhaltung ist unerläßlich, es gibt wenig Hin und Her zwischen den Gruppen, ab und an lassen die Jungen ein Wort fallen) wird das Vergehen der Zeit sinnlich erfahrbar: Man ermißt die Länge der Minuten, die Kürze der Stunden. Die Zeit wird mit einem Mal konkret. Es ist das Wunder des schönen Wetters, das der Zeit einen Körper gibt. Was folgt, sind Temperamentsfragen. Die einen (sie sind in der Mehrheit) knüpfen mit einer gewissen Erleichterung an die Gewohnheiten an („sieben Uhr, gehen wir einen Aperitif trinken“), die anderen (die Minderheit) brechen die Gewohnheit – sie möchten sich selbst als die Happy-few sehen: „Schon sieben! Wer hätte das gedacht, es ist noch so schön, so hell. Und alle sind schon weg, das sollten wir ausnutzen.“ Aber es gibt niemanden, für den die Minuten nicht zählen. Am Strand fühlen die Sommerfrischler, wie die Zeit vergeht. Sie finden ihre Dichte…

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