vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Ästhetik des Reisens · von Raoul Schrott · S. 236 - 237
Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

Raoul Schrott
Hotels

RAOUL SCHROTT (*1964, lebt in Landeck, Tirol, und Seillans, Provence): In Tirol geboren, ging Schrott in Tunis zur Schule, studierte in Innsbruck, Berlin und Norwich, bekam seine erste Anstellung beim letzten lebenden Surrealisten Phillippe Soupault in Paris. In Neapel wirkte er als Lektor. Seine Gedichte »Hotels« (1995, 2. Auflage) handeln von der flüchtigen Existenz in immer wechselnden Unterkünften in Oberbozen, Anacapri, Delphi, Paris bis Djerba. Geschrieben hat Schrott diesen Zyklus, der sich nicht schließt, im provenzalischen Dorf Seillans. Den Dadaisten und Surrealisten nah, der optischen und akustischen Darstellung zugeneigt, sind Schrott »Hotels« keine Gedichte für die stille Klause. Im Gegenteil: Sie wollen laut gelesen werden, um die Musikalität und die Kraft der Worte optimal zur Geltung zu bringen.

Im Vorwort schreibt der viel gereiste Autor: »Hotels sind monumente von epochen, die an den ornamenten ihrer architektur erkennbar werden und sich an den bröckelnden fassaden verraten. Sie sind die fluchtpunkte jeden zeitalters und ihre zufälligen mittelpunkte zugleich; spuren jedoch lässt allein das zurück, was man pauschal als die geschichte bezeichnet. Man geht die fluchten der gänge ab und ist da, ohne wirklich hier oder jemals angelangt zu sein, das paradoxon der passage, eines lebens, das nach spuren sucht und seine eigenen an den dingen hinterlassen will, während das zimmermädchen am nächsten tag jeden fingerabdruck entfernt hat und die laken flach gestreift. Die zimmer eines hotels bleiben trotz der genrebilder im gang leer. … In diesem sinn sind hotels die eigentlichen tempel unseres jahrhunderts.« Hotels sind Orte der Anonymität, der flüchtigen Gegenwart und – als Stumme Zeugen der Vergangenheit – Spiegel der Zeit.

die einsamkeit hat ihre eigenen metaphern wie der blick
einer gähnenden katze sorgfältiger scheint
durch die starre kerbe der pupillen die ungerührt
von ihrem sich strecken an den dingen maß nimmt
bevor er sich noch am gitter festhakt
spannt sie bereits ihre muskeln zum sprung
auf die veranda . einäugig wie diese katze dort
erlauben hotels ihre landschaft
nur von sich aus wie man ein fernrohr
weiter gibt an den nächsten bis zum klick
der münze . von den arkaden vor dem fenster
sind sie immer nach westen gerichtet
auf eine unbewegliche sonne in ihrer kardanaufhängung
über dem eingezäunten sektor strand und dem kies
der einfahrt . und das aquarell
über dem bett legt den ausblick ein zweites mal fest
auf ein arkadien der lotosfresser für die kyklopen
in ihren klimatisierten höhlen
hotel les sirènes, djerba, 31.12.92

das hilton war für mich als junge der inbegriff des luxus
schon allein weil es eine drehtür hatte und beschläge
aus messing überall . in der bar war ein
türkis eingelegter brunnen und der pianist
hatte ein weißes klavier wie in amerika . ich parkte
das auto vor der auffahrt auf dem rücksitz die geschenke
für deinen mann und das kind und wir gingen
das letzte stück zu fuß . in der lobby war alles gleich
geblieben nur die preise hatten sich angepaßt
obwohl jetzt das abou nawas das erste hotel war
am platz . auf den sofas saßen die waffenschieber
unter den langläufigen flinten an der wand
die lage war ja immerhin strategisch
und auch die herald tribune bekam man immer noch
nur hier . wir wohnten dann unter dem hügel
im diplomatenghetto rue emir abd el-kadr und ich fand
das haus gleich bei der ersten kreuzung . du
bliebst im auto es regnete und irgendein faktotum
klopfte gleich an die scheibe was wir denn wollten . ich
erinnere mich noch an die mandarinenbäume
die fleischigen pflanzen im garten vor dem fragment
einer römischen säule und an die nachbarin
die eine richtige indianerin war und erzählte dir
die geschichten . du machtest ein foto es war vor 24 jahren
und das heimkommen war eine verzweifelte sache
wie man sich mit den fingernägeln in die haut
krallt wenn man auf der toilette des flughafens oder im
zug fickt weil man angst hat vor dem erwischtwerden
hotel dar zarrouk, sidi bou saïd, 3.1.93

wie eingebrannt auf dem karbonpapier des blickes
die straße vom fenster aus die stecknadelköpfe der laternen
die blaue stichflamme aus dem schornstein der karbidfabrik
das grölen der soldaten wenn sie hinaus zur kaserne
torkeln als hätte ich diese stadt auswendig gelernt
wie man ein gesicht zur kenntnis nimmt mit einem kopfnicken
ohne daß es mehr zu sagen hat . ein einfacher durchschlag
des spiegelbildes auf der fensterscheibe vor der evidenz
von häusern und gebäuden . eine blaupause
auf die man rechts unten am rande den nachtrag
einer rückkehr kritzelt . man hat die wände mit den schritten
ausgemessen und den geruch des asphalts im sommer
der eine zweig der quitte der über die zaunlatten hängt
und wo die farbe von der mauer blättert ist was zuhause
ist . die tautologie der ordinaten einer existenz
ihr grundriß gleich ob in zoll oder zentimetern genommen
beschreibt diese abszisse nicht . in die nacht geschnitten
sind die äste des kastanienbaums dort wo sie sich drängen
eine landkarte nur für den maßstab der augen und den spann
der hand aber maßlos und leer in ihrer konsonanz
angedair, landeck, 1.7.93

das vorgebirge war herabgebrannt bis auf das kap
ausgebrannt bis auf die in der hitze zersplitterten steine
die wie glas klirrten wenn man auf sie trat
bis zum knöchel in der schwarzen asche der kiefern
deren abgestorbene kronen glänzten wie geschmolzenes kupfer
eingebrannt in die zerschlagene augenhöhle den beinernen
schädel attikas auf dem nur die ameisen und käfer
überlebt und ihre panzer bereits mit dem anthrazit der schlacke
getarnt hatten . farbe allein brachte die sich häutende schlange
der touristen mit ihren um den bauch gebundenen hemden
die sich den hügel hinaufwand in die trümmer
der hitze . dort saßen sie jetzt jedes stativ und jeden photoapparat
auf den brand der sonne gerichtet bis in das dämmern
auf der breitwand des abends – und im surren des autofocus
und dem klicken ihrer kameras war es als würde das land
noch einmal abgebrannt . in ihrem rücken blieb der tempel
unscharf und die riefen seiner säulen flimmerten
verschliffen vom salz des windes und kalt . das feuer
hatte ihn verschont ebenso wie der wind das hotel in der bucht
unten das mit dem grün des rasens und der hecken
einen so obszönen anblick bot wie der trichter eines krokus
der mit den winzigen kapitellen seiner blütenstempel
im ewigen frühling eines fehlfarbenphotos im foyer
die ungebrochene tradition eines landes errichten
und zu tragen schien – wie postkarten und plakate
sie eben verheißen . der grund weshalb beides noch stand
waren sie allein und nicht die dürre eines unwegsamen sommers
für den die wassertanks der helikopter nie reichten
hotel aegaeon, kap sounion, 20.8.93