Titel: Ästhetik des Reisens , 1997

David Cronenberg

»Crash« – Automenschen als polymorphperverse Wesen

Gespräch von Patrick Straumann

DAVID CRONENBERG, 54, kanadischer Regisseur, der sich mit Filmen wie »The Fly«, »Nacked Lunch« und »M. Butterfly« einen Namen als Schöpfer skurriler Düsternisse gemacht hat, hat mit seiner Verfilmung von J. G. Ballards umstrittener Vision einer verstümmelten Techno- und Autoerotik bereits bei der Premiere in Cannes (1996) die Gemüter erregt. Von Pornographie bis Kunst reichte des Spektrum der Einschätzungen. J. G. Ballards 1973 veröffentlichte schräge Weltsicht einer Menschheit im sexualisierten Mobilitätsrausch überschreitet nicht nur die Grenzen des Genres Science-Fiction, sondern gewiß auch jene des guten Geschmacks: Man erregt sich an den Videos von Crashtests, man ejakuliert auf Autositzpolstern und will sterben wie Jane Mansfield, die durch eine Windschutzscheibe krachte. Es herrscht beträchtliche Crashgeilheit. Körper und Auto, Straßenverkehr und Geschlechtsverkehr werden unaufhaltsam eins. Eros und Thanatos krachen auf dem Kriegsschauplatz Straße in einer Orgie von Körper und Metall, von Blut und Blech, von Fleisch und Öl aufeinander. Es handelt sich um die Kombination von »traffic« und »intercourse«, also um »Verkehr«. Der Film läuft auf den repetitiven Nachweis hinaus, daß der Mensch ein polymorph perverser Autofahrer ist. Foto: Courtesy Elite Film, Zürich

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Warum haben Sie „Crash“ verfilmt?

David Cronenberg: Einen Film vorzubereiten ist für mich eher ein intuitiver Vorgang. Als ich das Buch zum erstenmal las, hatte es eine eher abschreckende Wirkung auf mich. „Crash“ ist sehr schwer zugänglich; es ist kein schönes Buch, auch keines, von dem man sagen kann, daß man es liebt. Erst im Lauf der Jahre hat sich der Stoff in…

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