Magazin: Publikationen , 1997

Entmythisierung des Internets

nettimes »Netzkritik«

Es war längst an der Zeit, daß im deutschen Sprachraum ein Buch erscheint, das dem hier besonders ausgeprägten Glauben an die Technik, speziell der Euphorie für das Internet, gewichtige Argumente entgegensetzt. Dabei scheint die Netzkritik einiger der AutorInnen die Positionen der für die Kompilation Verantwortlichen, Geert Lovink und Pit Schultz, in manchen Punkten an Schärfe zu übertreffen. Wo Lovink/Schultz von „Möglichkeiten der Befreiung“, von kreativer Nutzung, Ausweitung der Vernetzung und dem Operieren auf unterster technischer Ebene („downgrading the future“) sprechen, interpretieren andere AutorInnen wie Katja Diefenbach die Forderung nach basisdemokratischen und pluralistischen Gebrauch als Illusion, die von einem Demokratisierungspotential, die allein auf einer technischen Struktur beruht, ausgeht. In weiten Teilen versucht das Buch, das vielfältige Wunschdenken hinter dem derzeitigen Internet-Diskurs bloßzulegen. Weit verbreitet ist der Technikdeterminismus à la Kittler, der einen kausalen Zusammenhang zwischen Kultur bzw. Gesellschaft und dem Stand der Technik herstellt. Da Technik an sich politisch neutral ist, setzt die Kritik Oliver Marcharts an den popularen Erzählungen des Internets an, z.B. an zahlreichen apokalyptischen Visionen: Beendet Telearbeit unser herkömmliches Sozialverhalten, ändert Cybersex grundlegend unsere sexuellen Aktivitäten, oder erzeugt die Welt der Computerspiele andere Kinder?

Kritik richtet sich auch an die Hacker und Cyberpunks, die unbewußt mit ihrem Glauben an eine mögliche Bedrohung der staatlichen Ordnung per Computer ebenfalls zur Fetischisierung der neuen Technologien beitragen. Ihre Motivation scheint nicht über die Forderung nach freiem Zugang zu allen Informationen hinauszugehen. Gegenwärtig scheint ihre Bewegung zum Sicherheitsproblem für Anti-Viren-Spezialisten zu verkommen. Das Critical Art Ensemble beklagt deshalb die Distanz…

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von Justin Hoffmann

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