Fragen zur Zeit , 2011

Michael Hübl

Fassade und Ewigkeiten

Karl Schwanzer, Karl Theodor zu Guttenberg, ihre Wahrheitsaggregate und eine Prozession von Bazon Brock

Architektur und Verbrechen: Diese zweifellos wohlfeile Abwandlung eines Diktums von Adolf Loos mag entsprechend vorgebildeten Passanten in den Sinn kommen, wenn sie erstmals auf den Wiener Franz-Josefs-Bahnhof treffen. Der Zugang zur eigentlichen Station ist unauffällig. Wären da nicht das Signet der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und eine Glassäule, auf der die aktuellen Abfahrten der Züge angezeigt werden, könnte es leicht geschehen, dass man die schwingtürbewehrte Öffnung, die zur Schalterhalle führt, übersieht. Im Übrigen gibt sich der Bau weniger bescheiden. Als gigantische Masse würgt er sich zwischen der Althanstraße und der Nordbergstraße hindurch, bevor er mit aller Wucht und Gewalt den Julius-Tandler-Platz erreicht. Dort wird der Baukörper in seiner plumpen Brutalität abrupt gestoppt, so als sei eine riesige Maschinerie noch rechtzeitig zum Halten gebracht worden, bevor sie alles Leben niederwalzt. Denn auf antihumane Dimensionen ist das Bauwerk offensichtlich angelegt. Was sein schieres Volumen nicht bewirkt, signalisieren die enormen Treppenanlagen, die in das Innere des Gebäudekomplexes hineinführen und die in ihrer Steilheit einen uralten architektonischen Topos der Machtdemonstration ins Piranesische potenzieren. Wie in den Kerkerbildern des venezianischen Künstlers, Architekten und Theoretikers Giovanni Battista Piranesi verliert sich der Blick in verschachtelten und verstiegenen Tiefen, die sich von unten betrachtet in einem fernen Dunkel verlieren, ermüdend und demütigend noch ehe die Menschen, die hier arbeiten, studieren oder etwas zu erledigen haben, in das Raum-Konglomerat eingetreten sind. Unklar bleibt nur, ob die technoide Totalummantelung des rüden Konstrukts mit verspiegeltem Glas…

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von Michael Hübl

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