Titel: Das Atelier als Manifest · von Anne Haun-Efremides · S. 78
Titel: Das Atelier als Manifest , 2011

Anne Haun-Efremides

Körper, Raum, Leben, Kunst, Netz

Das Künstleratelier von den sechziger Jahren bis heute

Seit den späten 1960er Jahren findet sich in theoretischen Diskursen eine radikale Hinterfragung der metaphysischen Position des Künstlers, die mit Wertvorstellungen wie Originalität, Innovation und Schöpfertum verbunden wird. Schlagworte wie die vom „Tod des Autors“ relativieren den Hoheitsanspruch der Kunst, welcher vor allem an der Figur des autonom schöpferischen Individuums festgemacht wurde. Mit der Absage an das idealistische Kunstverständnis fällt gleichzeitig auch der elfenbeinturmartige Produktionsort der Kunst unter Ideologieverdacht und ist in seiner identitätsstiftenden Relevanz komplexen Destruktionen und Dislokationen ausgesetzt.

Das Atelier als Kultort

Laut Jacques Derrida hat das Wesen derartiger „Dekonstruktion … notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu bedienen, sich ihrer strukturell zu bedienen, das heißt, ohne Atome und Elemente von ihr absondern zu können.“1

In den Blick gerät dabei zwangsläufig die tradierte Ikonologie des Atelierbildes, das als eine Art kunsthistorische „Metagattung“ sowohl orts- und handlungsbezogene Aspekte als grundlegende Bedingung von Kunst miteinschließt wie auch in der programmatischen Inszenierung des Motivs als künstlerisches Statement im Sinne eines metonymischen Selbstporträts fungiert.

Wolfgang Ruppert hat in seiner Studie zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der Moderne auf die verschiedenen kulturellen Besetzungen des Raumes hingewiesen, die im Atelier als „mentale Formen des Erfahrungsgewinns“ sichtbar werden und Rückschlüsse auf die verschiedentlich tradierten Muster der Subjekt-Objekt-Beziehungen zulassen.2

Laut Ruppert verschob sich mit „der Gründerzeit … die symbolische Form des Ateliers von der Werkstatt zum Kultraum, in dem der Künstlermythos lokalisiert wurde“.3 An Pierre Bourdieu…

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