Titel: postdigital 1 · von Kolja Reichert · S. 94
Titel: postdigital 1 , 2016

Für einen neuen Zirkulationismus

„Post-Internet“ und Kritik

von Kolja Reichert

Drei junge Männer an der Fensterfront eines Büros vor der Skyline von New York: ein Asiate mit iPad im Eames-Drehstuhl, ein kaffeetrinkender Schwarzer, lässig die Linke in der Hosentasche seines karierten Pyjamas ruhend, und ein blonder Weißer beim Lesen der „New York Times“. Der Werbeclip für die Herbst/Winter-Kollektion 2012 des Pariser Modelabels Kenzo1, gestaltet vom Kollektiv DIS, zeigt Idealfiguren des Kreativkapitalismus: jung, agil, empfindsam, in zuvorkommender Kontaktbereitschaft und stilvoll gekleidet, mit dem entscheidenden Tick Eigensinn. Auf den per Kamerazoom herbei katapultierten Betrachter wenden sie sich synchron zur Kamera und setzen ein breites, erkennendes Grinsen auf, einer winkt. Während der folgenden zwei Minuten schütteln die Traummänner (fast übersieht man, dass die Darsteller wechseln) in wechselnden Klamotten zu federleichter Synthesizer-Musik einander grinsend die Hände, winken in Zeitlupe aus dem Fenster, lassen demonstrativ den Wischfinger über ein iPad gleiten, ziehen das Futter aus einer Hosentasche wie um eine technische Funktion zu demonstrieren, sinken vor offenem Ozean in eine Dreier-Umarmung, und wenden sich dann wieder in glücklichem Erkennen dem Betrachter zu. Dabei ist ununterbrochen das „KENZO“-Logo als Wasserzeichen eingeblendet.

Der Werbeclip ist eine frühe Produktion der Gruppe, die das DISmagazine, den einflussreichen medialen Knotenpunkt der sogenannten „Post-Internet Art“, pflegt und die diesjährige Berlin Biennale kuratiert hat. Er bewegt sich zwischen kommerzieller Strategie und künstlerischer Freiheit, zwischen der Erfüllung eines Formats und dessen Satire. Exemplarisch stellt er eine Durchlässigkeit gegenüber kommerziellen Zeichen zur Schau, wie sie eine in den vergangenen sechs Jahren zwischen Neukölln und Williamsburg…

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