Titel: postdigital 1 , 2016

Wir sind nie digital gewesen

Postdigitale Kunst als Kritik binären Denkens

von Katja Kwastek

Vor dem Messezentrum von Vancouver steht seit 2010 die Skulptur eines Orca-Wals. Dies ist nicht weiter verwunderlich, sind doch Whale-Watching-Touren eine der beliebtesten touristischen Aktivitäten in der Gegend. Allerdings ist der Orca gepixelt, als wäre er nicht dem Pazifik, sondern einer Computergraphik entsprungen. Er stellt damit auf verblüffend einfache Weise die Frage nach dem Verhältnis von Realität und (digitalem) Bild. Der „Digital Orca“, ein Werk Douglas Couplands, firmiert als eines der unzähligen Beispiele für die so genannte New Aesthetic. Unter diesem Titel öffnete James Bridle, der sich als „Autor, Herausgeber, Technologe und Künstler“ bezeichnet1, im Frühjahr 2011 ein Tumblr-Blog. Es handelt sich um eine erweiterbare Online-Kollektion von Bildern, Videos, Texten und Links, die, so Bridle, „Eruptionen des Digitalen in die physikalische Welt“2 dokumentieren: Neben gepixelten Skulpturen und Designobjekten zeigt das Blog unter anderem Schuhe, die aufgrund ihrer Polygonstruktur an virtuelle 3D-Modelle erinnern, Tarn-Make-Up für Menschen und Tarnmuster auf Gebäuden und Fahrzeugen, die eine Erkennung durch digitale Überwachungssysteme verhindern sollen. Bridle sieht solche Artefakte als Metaphern dafür, dass unser Alltagsleben immer mehr von digitalen Technologien geprägt ist.3 Seine heterogene Sammlung umfasst Abbildungen von realen Objekten, virtuelle Modelle, Beschreibungen von technischen Systemen und Links zu interaktiven Computergrafiken. Seine Beispiele stammen aus Wissenschaft, Design, Kunst, Massenmedien und Militär. Auch die Verbreitung des Konzept der New Aesthetic lässt sich als heterogen bezeichnen. Zunächst erweiterte Bridle selbst das Blog kontinuierlich und bewarb es sowohl online als auch auf Vorträgen. Richtig Fahrt nahm das…

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