Gespräche mit Künstlern , 1999

Thomas Struth

»Gesichter, all-over«

ÜBER DIE AUFNAHME VON DIFFERENZEN

EIN GESPRÄCH VON HANS RUDOLF REUST

Zusammen mit Klaus vom Bruch hat Thomas Struth 1997 / 98 das Berlin-Projekt entwickelt, eine Choreographie aus Videoaufnahmen von Menschen im Außenraum, gedacht für die Präsentation an Videowänden auf einem der neu entstehenden Plätze im Zentrum Berlins. Nach einer ersten Präsentation in der Galerie Max Hetzler in Berlin 1997 wurde das Projekt letzten Sommer im Kunstmuseum Luzern gezeigt. Das vorliegende Gespräch und der eingeschobene Kommentar suchen nach Verbindungen zwischen den verschiedenen Porträts in Fotografie und Video bei Thomas Struth. Der Text beruht auf Gesprächen in Luzern und in Düsseldorf.

I.

Hans Rudolf Reust.: Fotografen ist der Moment vor der Kamera besonders wichtig. „Die Montagsgruppe“, eine Serie von Einzelporträts für die documenta IX 1992, enthält auch dein Selbstbildnis. Wie hast du den Wechsel in die Rolle des Porträtierten erfahren?

Thomas Struth.: Die Situation der Aufnahme ist nie neutral. Für den, der sich fotografieren läßt, gibt es immer ein Warten, bis der Fotograf auslöst. Wenn es fünf Sekunden dauert, fragt sich der Porträtierte während dieser fünf Sekunden: Bin ich mit meiner Aufmerksamkeit noch bei mir selbst oder flieg ich schon aufs Negativ drauf? Versuche ich mich in Gedanken schon fotografiert zu „sehen“? Es ist wichtig, wie sich die Leute in der Begegnung fühlen: Ist derjenige, der mich fotografieren will, mein Freund, oder fühle ich mich unwohl, irgendwie ausgesetzt. Am besten ist es, wenn Kinder fotografieren; denn ihnen würde man nie ein unlauteres Motiv unterstellen. Als Porträtfotograf versuche ich, die bewußten und unbewußten psychischen Schwingungen,…

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von Hans Rudolf Reust

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