Gespräche mit Künstlern , 1999

Heinz-Norbert Jocks

»Judd plus Flavin plus ein Foto«

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Jeff Wall, 52, ist ein Phänomen. Mit seinen hochsubtilen und minutiös arrangierten Inszenierungen, deren Künstlichkeit überrascht, ist er ein unverbesserlicher Erzähler, der es zwar liebt, auf Kunst anzuspielen, dabei aber doch mehr die Gegenwart, wie er sie empfindet, im Auge hat. Ihm geht es um die Aufdeckung heutiger Gedanken und Strukturen. Bemerkenswert, für ihn ist der Film die Addition von Fotografien und insofern ein Vorbildmodell, auf das er indirekt zurückgreift, und bezeichnend, daß er sich mehr für Bilder von Rembrandt, Breughel oder Manet als für die Geschichte der Fotografie interessiert. Als er sich einmal nach Madrid in den Prado begab, um sich dort von der Welt Tizians, Goyas und Velazquez` beseelen zu lassen, da sah er sich, plötzlich wieder draußen in der Helligkeit des modernen Alltags, mit den Leuchtkästen der inwendig neonerglühten Reklameplakate konfrontiert. Eine Erleuchtung, die es ihm ermöglichte, Konzept und Poesie zu versöhnen. Alles in allem ist dieser Fotograf, übrigens darin ein Autodidakt, ein Bekämpfer des Augenblicklichen, also kein Schnappschußjäger und darin anders als Henri Cartier-Bresson, dafür aber so etwas wie ein moderner Allegoriker, der zeigt, was doch noch geht. Wenn Baudelaire, den Jeff Wall als Lyriker schätzt, für den Maler des modernen Lebens plädierte, so der Kanadier für den Fotografen des gegenwärtigen Lebens. Schon allein deshalb, weil er sich für Sklaven und für Schönheit interessiert, dabei er für die Desillusionierung eintritt, weil mit ihr erst das Nachdenken einsetzt. Mit Jeff Wall sprach Heinz-Norbert Jocks.

Heinz-Norbert Jocks: Wie kamen…

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