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Titel: Lebenskunst als Real Life · von Paolo Bianchi · S. 74 - 79
Titel: Lebenskunst als Real Life , 1998

HANS SANER
Gespräch über die Utopie

EXPERIMENTALUTOPIE ALS LEBENSFORM FÜR GEMEINSCHAFTEN
FRAGEN VON PAOLO BIANCHI

Paolo Bianchi: Ist der Zeitgeist utopiefeindlich?

Hans Saner: Wir stehen vor einer Jahrhundert- und einer Jahrtausendwende. Da stellen sich den Menschen unweigerlich Fragen: Was wird aus den einzelnen Ländern? Was aus Europa? Was aus der Welt? Nur in Bezug auf eine dieser Fragen zeigt sich, gleichsam am Horizont, eine Utopie: Die 3000jährige Geschichte der Kriege in Europa könnte an ein Ende kommen. Ich jedenfalls habe diese Hoffnung – trotz Bosnien, trotz dem Kosova und trotz der gefährlichen Isolation einiger Oststaaten und unter ihnen vor allem Rußlands im heutigen Europa. Ich würde also meinen, daß der Zeitgeist, zumindest in Europa, nicht utopiefeindlich ist.

Wann wird utopisches Denken wirklich gefährlich?

Als nach den Sommerereignissen 1989 in Osteuropa das „Ende der Geschichte“ ausgerufen wurde, ging auch das Wort vom Ende der Utopie um. Ist das Ende utopischer Radikalität erreicht?

Zuweilen ist der Zeitgeist ironisch. Die These vom „Ende der Geschichte“ wurde von Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa lanciert. Fukuyama war damals Direktor des Planungsstabes im Außenministerium der USA. Der Gedanke als solcher, daß es überhaupt ein „Ende der Geschichte“ geben könnte, ist aber ein marxistischer und darüber hinaus ein religiös chiliastischer Gedanke. Marxistisch gefragt: Was soll die Geschichte noch, wenn sich die Weltrevolution überall durchgesetzt hat? Sie hat ihre Aufgaben gemacht – und nun ist sie überflüssig. Das bedeutet natürlich: Die Welt kann stillstehen, wenn das hehre Ziel erreicht ist, daß das Proletariat überall die Produktionsmittel in seine Hände gebracht und somit die Macht ergriffen hat. Die Ironie in der Sache: Im Westen hat man diesen Ideologie-Kitsch zum ersten Mal ernst genommen, als er dem Marxismus entwendet und gegen ihn gekehrt wurde: Der Zusammenbruch des Marxismus war nun das Ende der Geschichte. Was bleibt ihr noch zu tun, wenn endlich alle Länder kapitalistisch und angeblich liberal geworden sind? Dann ist ja das Weltziel erreicht, und man hat für nichts Gutes mehr zu kämpfen, weil alles Gute erreicht ist. Das ist eine derart erbärmliche, doofe These, daß sie eigentlich nicht diskussionswürdig ist. – Was aber das Wort vom „Ende der Utopie“ betrifft, so ist 89 das Ende der Verkehrung einer Utopie eingetreten, aber nicht das Ende der Utopie, auch das Ende einer Form des Sozialismus, aber nicht das Ende des Sozialismus.

Zu viele Träume von einem besseren Leben endeten in einem Desaster. Fällt es da nicht schwer, am Ende dieses Jahrhunderts noch über Utopien nachzudenken?

Wir denken nicht über Utopien nach, weil oder wenn wir glücklich leben, sondern weil und wenn im politischen Leben Ungerechtigkeit, Unglück und Gefahr uns auf die Suche nach einem anderen Leben treiben. Jede Utopie als Gedanke ist eine indirekte Kritik der Wirklichkeit. Jede Verwirklichung einer Utopie ist dagegen nicht mehr bloß Gedanke, sondern Wirklichkeit, die nun selber der Kritik unterzogen werden muß.

Ist utopisches Denken ein gefährliches Denken? Ist es in erster Linie die Denkweise der Unterdrückten und Entrechteten, der Hippies und Subkulturellen, die mit der Utopie gegen die bestehenden Verhältnisse protestieren?

Ich weiß nicht, ob die „Unterdrückten und Entrechteten“ sowie die „Hippies und die Subkulturellen“ wirklich denken. Die Unterdrückten und Entrechteten werden eher klagen und vielleicht sich empören, und die Hippies und die Subkulturellen werden eher alternativ leben als denken. Die gedachten Utopien kamen von Philosophen und Schriftstellern und vielleicht noch von religiösen Existenzen, die allerdings das Denken immer mit der existentiellen Praxis verbanden. Nur wenn es eine Verbindung des Denkens mit der Praxis gibt, wird das utopische Denken wirklich gefährlich.

Obschon sehr unterschiedliche Geister, fanden Ernst Bloch und Theodor Adorno im Denken über die Utopie in einem Rundfunkgespräch (1964) zueinander: „Und ich glaube, Teddy, hierin sind wir allerdings einig: Die wesentliche Funktion, die dann Utopie hat, ist eine Kritik am Vorhandenen. Wenn wir die Schranken nicht schon überschritten hätten, könnten wir sie als Schranken nicht einmal nehmen.“ Adorno erwidert: „Ja, die Utopie steckt jedenfalls wesentlich in der bestimmten Negation, in der bestimmten Negation dessen, was bloß ist, und das dadurch, daß es sich als ein Falsches konkretisiert, immer zugleich hinweist auf das, was sein soll.“ Meint utopisches Denken sich nicht mit dem abfinden, was ist?

Utopisches Denken ist unweigerlich Kritik des Bestehenden, sei es nun, indem es diesem eine positive Alternative entgegenhält oder es selber bis ins Katastrophale negativ verdeutlicht und extrapoliert. Aber es ist nicht Kritik allein. Es ist auch Gedankenspiel, Kunst, Konstruktion, Erfinden des Neuen, Denken des bisher Ungedachten, Traum und Vision. Wer allein die kritische Funktion der Utopie sieht, instrumentalisiert die Utopie radikal. Dann wird sie schwach und in der Regel banal.

Gibt es ein Menschenbild 2000?

Die großen Utopien muten heute absurd an: Der Entwurf eines glücklichen fiktiven Gemeinwesens findet sich als philosophisch-literarisches Grundmuster in Platos „Politeia“ („Der Staat“, um 374 v. Chr.) wieder. Da gibt es regierende Herrscher, Wächter für innere und äußere Sicherheit und die Arbeitenden, die sich für die Gemeinschaft abschuften. Frauen gelten als Gemeineigentum und die Künste unterliegen einer strengen Zensur – nur staatstragende Kunst ist erlaubt. Hirngespinst oder Realität?

Plato hat ja bekanntlich gesagt, daß seine „Politeia“ nur den zweitbesten Staat beschreibe. Besser wäre noch die reine Idee der Polis, aber nicht etwa die Realität Athens. Die war vielmehr ziemlich grausam, wenn man nicht zufällig ein wohlhabender Bürger war, sondern Sklave oder Frau oder Kind oder, wie Sokrates, ein kritischer Philosoph, der ja 399 von dieser angeblichen Demokratie hingerichtet worden ist. Auch Utopien muß man geschichtlich lesen, um ihnen gerecht werden zu können. Sie klammern dies in Ihrem Urteil völlig aus – und deshalb ist es ungerecht und unbedacht.

Plato erinnert an Friedrich Dürrenmatt, der die Schweiz als Gefängnis und die Schweizer gleichzeitig als frei, Gefangene und Wärter bezeichnet hat.

Überhaupt nicht. Plato ist auf der Suche nach der Idee der Polis. Er beschreibt nicht Athen, sondern hält Athen ein anderes Bild einer Polis entgegen. Das ist indirekte Kritik, aus dem Erdenken des Besseren. – Dürrenmatt dagegen beschreibt nicht die Idee einer Demokratie, sondern ihre groteske Wirklichkeit. Sein Verfahren ist eine direkte Kritik in Form einer Satire. Die beiden Verfahren sind entgegengesetzt.

Plato malt ein elitäres statt egalitäres Bild von Gesellschaft. Hier ist also kritische Distanz angesagt. Trotz allem die Frage: Das Menschenbild 2000: entspricht es dem kontrollierten „gläsernen Menschen“, wie bei Plato, oder dem selbstbestimmten „mündigen Bürger“?

Plato hatte sicher aristokratische Ideale. Der Aristos war für ihn der Erkennendste, der Philosoph, der auch König werden sollte. Wenn es eine Hierarchie bei ihm gab, so war es die des Erkennens, mit der alle Politik zur Übereinstimmung gebracht werden sollte, und nicht bloß die der Herkunft oder gar des Reichtums. Natürlich müssen wir das heute einer Kritik unterziehen; denn die Macht zerstört den Geist. Aber Plato deshalb ein „Menschenbild 2000“ entgegenhalten zu wollen, wäre ein großer Unfug. Die Zeit der Menschenbilder ist vorbei. In unsere Zeit gehört das Eingeständnis, daß Menschen nicht gleich sind. Das „Menschenbild 2000“ ist der Trick, aus den unterschiedlichen und vielen Menschen den Singular „Der Mensch“ zurückgewinnen zu wollen, und zwar „der Mensch“, wie er sein sollte. Das ist die Krankheit, die man Plato vorwirft. Kein vernünftiger Mensch wird behaupten: Alle Menschen sind selbstbestimmende „mündige“ Bürger. Sondern: Die Politik hat kein Recht, den Menschen die Möglichkeit ihrer Mündigkeit zu nehmen. Sofern sie dann mündig werden, sind sie Verschiedene, für die es kein allgemeines Menschenbild geben kann.

Big Brother und der Kapitalismus als Hectocephalus

George Orwell hat im Roman „1984“ aus dem Jahre 1948 die graue Uniformiertheit im Würgegriff des Big Brother beschrieben: eine gefesselte, düstere und bleichgläserne Welt ohne Schönheit, Farbe und Glanz. Einzig die bedrohte, verzweifelte, schließlich verratene Leidenschaft zwischen Julia und Winston birgt als innere Kraft eine Perspektive zur Befreiung aus einem engen, überlebensgroßen Gefängnis. Welche Befreiungsmöglichkeiten bleiben uns?

Man muß da eine Unterscheidung treffen: In totalitären Systemen – und ein solches stellt Orwell in seinem Roman dar – wird im Prinzip alles politisch, weil die ideologische Bevormundung und die staatliche Kontrolle alles erfassen. In liberalen Systemen – und in einem solchen leben wir – findet eine Trennung statt zwischen dem Privaten, dessen Kontrolle im Prinzip dem Staat entzogen ist, und dem Politischen, das immer einen öffentlichen Charakter hat. In einem totalitären System kann man sich, weil alles politisch ist, über alle Bereiche befreien, auch über die Liebe, die ein politischer Akt geworden ist, über die noch so verborgenen Wege des Denkens und über die Anderen nicht mitgeteilte nehmung. In liberalen Systemen sind das nicht Wege der Befreiung, weil sie dem Privaten zugeordnet und dort freigegeben sind. Die Wege der politischen Befreiung sind nun ausschließlich öffentlich. Solche Wege sind die Kunst, die gezeigt wird, die Kommunikation, die zur öffentlichen Versammlung führt, das Wort, das öffentlich gesprochen oder veröffentlicht wird, das gemeinsame öffentliche Handeln von Menschen, die sich um eines Zieles willen zusammenschließen usw. Zu all dem braucht es Mut, eine gewisse Unbeugsamkeit und eine Bereitschaft, dafür einen Preis zu bezahlen; denn von einem bestimmten Punkt an ist es nicht mehr gratis: nämlich sobald es der Macht wirklich in die Quere kommt.

Orwells Botschaft: Die Liebe ebnet den Weg zu einer menschenwürdigen Gemeinschaft und läßt so die unentfremdete Gesellschaft, marxistisch auch Kommunismus genannt, einkehren. Ist diese realutopische Möglichkeit nach 1989 defitiniv gestorben?

Welche Liebe? Die Leidenschaft, die Freundschaft, die Brüderlichkeit, die Karitas? Die Liebe als Empfindung?, als Beziehung?, als Handeln? Die Liebe als Leidenschaft kann auch ein Gefängnis sein. In keinem Fall befreit Liebe ausschließlich, sondern sie bindet immer auch. Der Hauptpunkt aber ist: 1989 hat die Liebe auch in Osteuropa ihren privaten Charakter zurückbekommen. Viele mögen das bedauern; denn es gehörte ja zum Credo der 68er, daß selbst die Liebe politisch ist und daß man nicht trennen soll zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Das war in Wahrheit eine Option für den Totalitarismus. Die Liebe ist nur insofern ein Weg der Befreiung, als sie sich vor allen öffentlichen Zugriffen schützt und sagt: „Ich lasse mir von niemandem sagen, wen ich zu lieben habe.“ Wo sie diese Haltung öffentlich kundgibt, kann sie allerdings zum Politikum werden, z. B. als offene Liebe über konfessionelle, sexistische, familiäre, ethnische, rassistische Schranken hinweg. Dann geht ihr aber immer schon der politische Eingriff gegen die private Freiheit der Liebe voraus. Und Spuren dieses Eingriffs gibt es in allen noch so liberalen Gesellschaften.

„War is Peace. Freedom is Slavery. Ignorance is Strength“ sind die Losungen der Partei des Großen Bruders: was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Ein unter Stalin gesungenes Lied beginnt mit: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ Ist der Kapitalismus eine ähnlich heruntergekommene Religion, dessen Kirche das Warenhaus, dessen Evangelium die Werbung, dessen Wahrheit die Massenmedien sind?

Es ist schon möglich, daß Menschen ein pseudoreligiöses Verhältnis zum Kapitalismus entwickeln: den Markt, den Erfolg, den Wettbewerb, den Shareholder-value für den Zentralwert ihres Lebens halten. Dann sind sie eben dumm. Der Kapitalismus selber aber ist keine Einheit. Es gab ihn in unserem Jahrhundert als privaten Produktionskapitalismus, als Staatskapitalismus, als Kapital-Kapitalismus, als liberal-sozialen Kapitalismus, als Alternativ-Kapitalismus, als Genossenschafts-Kapitalismus und in vielen anderen Formen. Er ist ein Hectocephalus, ein hundertköpfiges Wesen, das an die universale Konvertibilität aller Dinge glaubt und dafür im Kapital das ideale Tauschmittel gefunden hat. Er ist agil, effizient, verwegen, rücksichtsslos, aber keineswegs schwerfällig wie ein totalitäres System. Sein Problem ist die notwendige Konzession an ein Ethos, ohne das er nicht überleben kann, obwohl er eigentlich jenseits des Ethischen steht. Im Augenblick geht der Kampf darum, diese Sphäre des Ethos zur Geltung zu bringen, und nicht darum, eine strikte Alternative zum Kapitalismus durchzusetzen. Denn diese kennt niemand. Der Kommunismus war auch keine, sondern selber eine Form des Kapitalismus. – Innerhalb des Kapitalismus die Massenmedien zu verteufeln, ist selber eine Flucht aus der Politik. Was immer man gegen sie und ihre Halbheiten sagen kann: Sie trugen oft sehr viel mehr zur Öffentlichkeit der heit, ja zu ihrer Entdeckung bei als die Parlamente, die Universitäten und die Künste.

Community, Identity, Stability – künstliche Paradiese

In Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) leben die Menschen in einem standardisierten Weltstaat nach den Parolen Community, Identity und Stability. In der Community wird der Einzelne der Rationalität des Ganzen untergeordnet, Identity steht für die Abschaffung individueller Unterschiede, und Stability meint den Stillstand der Gesellschaft. Sympathische Begriffe mit unsympathischen Eigenschaften?

Es hängt eben davon ab, wie man die Begriffe definiert. Wenn „Identity“ bedeuten soll, daß alle Menschen innerhalb einer Klasse Gleiche sind, dann ist die Definition an sich schon eine Lüge. Wenn sie aber bedeutet, daß Menschen innerhalb einer Gruppe oder einer Gemeinschaft ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Zustimmung entwickeln, dann ist nichts dagegen prinzipiell einzuwenden, sondern vielleicht noch zu fragen: „Und was ist das nun für eine Gruppe?“ Wenn „Identity“ darüber hinaus bedeuten soll, daß Menschen als Individuen unwandelbar bleiben, was sie nun einmal sind, dann ist die Definition wiederum eine Täuschung. Ähnlich komplex verhält es sich mit den übrigen Begriffen. Alle politische Hermeneutik ist ideologisch, d. h. interessengelenkt. Das Besondere der totalitären Hermeneutik ist, daß sie einen obersten Hermeneutiker kennt, der nicht irren kann, und daß sie infolgedessen keine Abweichungen zuläßt, weil sie diese für Symptome der Entartung hält.

Leben wir nicht, wie bei Huxley, in einer entzauberten Konsumwelt, die wir für das Paradies halten?

Was heißt denn „Wir„? Die einen nehmen Teil an dieser Konsumwelt, andere sind ausgeschlossen und noch andere verzichten. Die einen halten sie für ein Paradies, die anderen für ein Gefängnis und die Dritten für eine inszenierte Verführung. Es steht uns nur dann nicht ganz frei, sie und unser Verhalten selber zu definieren, wenn wir Ausgeschlossene sind, z. B. durch Arbeitslosigkeit oder durch neue Armut. Der Ausschluß aus den künstlichen Paradiesen ist übrigens politisch das größere Problem als diese Paradiese selber.

Wir statt Ich? – Die Postmoderneals anarchische Seifenblase

In seinem Zukunftsroman „Wir“ (1924) entwirft Samjatin einen Modellstaat, in dem Bürger ohne Not und ohne Gedanken dahinleben. Indem das konkrete „Ich“ durch das abstrakte „Wir“ des Staates ersetzt wird, soll den Menschen das ewige Glück gesichert werden – also von oben herab als ein objektives gesetzt, da im Streben nach subjektivem Glück Aufruhr und Meuterei stecken. Das falsche „Wir“ grassiert auch hier. Wo bleibt das gute „Wir“ der freien Gesellschaft?

Das gute „Wir“ ist immer das „Wir“ der Parteiung und des Teils und nie der Totalität. Es kommt zustande durch gemeinsame Ziele, durch gemeinsame Herkunft, durch gemeinsame Erlebnisse – kurz: durch alles, was Zugehörigkeit und Zustimmung schafft. Wenn es sich zu sehr ausweitet, muß man es schon fürchten, z. T. wegen seiner Macht, z. T. als Lüge. „Wir Schweizer/ Innen“? Heißt das noch etwas? Ja, aber nur etwas Banales: Wir Menschen mit dem roten Büchlein. „Wir Schweizer/Innen“ ist ein Rechtsbegriff – und allein als solcher ist er präzis und ungefährlich. Als ideologischer Begriff ist er schrecklich und eine Selbstlüge und als politischer Begriff ebenso. Aber auch bei den Teilidentifikationen muß man nach dem Ziel fragen und danach, was denn Zugehörigkeit stiftet. Hier ist es nicht mehr bloß eine Frage der Quantität, sondern der Qualität: Zugehörigkeit zu welcher Gruppe und um welcher Ziele willen? Der Tatbeweis, daß es Zugehörigkeit oder eben ein reales und qualitatives „Wir“ gibt, ist die Solidarität. Dort, wo sie selbstverständlich ist, anerkennt das Ich ein Wir als höheren Wert – und nur dort.

Wer im von Samajatin entworfenen Staat an Individualismus „erkrankt“, wird durch Röntgenstrahlen geheilt und so der konformen Masse angepaßt. Kann eine Utopie, die individuelle Ziele und Gemeinschaftsinteressen verbinden will, nicht existieren?

Es wäre ja auch denkbar, daß die Utopie anarchistisch ist, d. h. daß eine Gruppe von Menschen eine „Ordnung“ wählt, die ohne Gesetze funktioniert. Das Gruppeninteresse bestünde dann darin, keinerlei institutionalisierte Gewalt anzuerkennen. Dies wäre der Rahmen einer „Ordnung“, innerhalb derer die freien Ordnungen aller Einzelnen eingebettet sind. Ein solches „Ordnungsgefüge“ wäre einem Patchwork vergleichbar, auf dem jedermann seinen eigenen Fleck einnäht. Das könnte nur funktionieren, wenn der Tatbeweis der Zugehörigkeit in allen Handlungen gegeben wäre, wenn also im Handeln die Solidarität selbstverständlich wäre. Nur als Selbstverständliche müßte sie nicht eigens durch Gesetze eingefordert werden. Eine solche Gruppe wäre wirklich eine Gemeinschaft, in der sich die individuellen Ziele mit den Gemeinschaftsinterssen verbinden ließen. Die Anarchie ist die höchste Ordnung.

Ein Zweifler, dem die Phantasie noch nicht wegoperiert wurde, sagt in „Wir“ zu einem Angepaßten: „Wir sind vollkommen glückliche arithmetische Durchschnittsgrößen. Wie ihr sagen würdet, die Integration von Null bis Unendlich, vom Idioten bis Shakespeare.“ Trifft dies auf das Lebensgefühl der Postmoderne zu?

Ganz und gar nicht; denn die Menschen in „Wir“ sind ja alle bis zur Gleichheit angepaßt. Das Lebensgefühl der Postmoderne ist gerade umgekehrt: Wir haben ein Recht auf Differenz. Ihr Evangelium verheißt ein Reich, in dem die Pluralität schrankenlos anerkannt wird. Darin steckt ein logisches Problem: Eine solche Anerkennung des Rechts auf Differenz ist nur möglich, wenn man zugleich die Differenz der Qualitäten negiert. Das ist der Grund, weshalb die Postmoderne eine Seifenblase ist: die Anarchie ohne Solidarität und die Heiligsprechung der Vielheit im Namen der Einheit der Geltung. Diese Utopie ist nicht durchdacht, was nicht heißt, daß sie nicht geträumt wird oder geträumt worden ist – z. B. in ansprechender Weise von Lyotard. Aber auch ihm würde ich den Vorwurf machen: Die Botschaft vom Ende der großen Botschaften – der „Metaerzählungen“ wie er sagt – ist nicht durchdacht, sondern selber eine Auferstehung des Totgesagten.

Utopie als Existenz und Experiment

In Utopien wie „Wir“, „1984“, „Brave New World“ oder in Thomas Morus „Utopia“ (1516) wird der allmächtige Staat positiv oder negativ dargestellt. Gibt es utopische Entwürfe, die im Konzept die persönliche Freiheit und die Kreativität des Einzelnen als Widerstand gegen den Staat postulieren oder integrieren?

Utopien im klassischen Sinn, seien es nun positive wie bei Thomas Morus, Thomas Campanella und Francis Bacon, oder negative wie bei Samjatin, Aldous Huxley oder George Orwell, sind immer von der Hypothese eines einheitlichen „Gemeinwesens“ ausgegangen, von einem Staat, der entweder total gesund oder total krank ist. In ihm mußten deshalb auch alle, zumindest klassenweise, ob nun im Guten oder Schlechten, gleich sein oder gleich gemacht werden. Der Gedanke der Differenz einer Gruppe, einer Minderheit, die gar nicht das Ganze verändern will, weil sie erkennt, daß dies ohne Gewalt unmöglich ist, war diesen Entwürfen meist fremd. Ein literarisches Gegenbeispiel wäre „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Fahrenheit 451 ist der Hitzegrad, bei dem Papier Feuer fängt und verbrennt. Der Roman schildert eine Gesellschaft, in der alle verdächtige Literatur – und alle große Literatur ist verdächtig – von Staates wegen vernichtet werden muß. Einige indes retten die großen Werke, indem sie sie heimlich und zurückgezogen auswendig lernen und an jüngere Dissidente weitergeben. Hier haben Sie den Gedanken der Dissidenz, der in den klassischen Utopien fehlt, der aber in der Politik unseres Jahrhunderts eine so entscheidende Rolle gespielt hat, und zwar nicht bloß als Text, sondern vor allem als dissidente Praxis, als alternatives Leben. Dissidente Praxis hat es aber zu allen Zeiten gegeben. Unter „Utopie“ verstehe ich also nicht bloß eine literarische Gattung, sondern auch eine Art zu existieren.

Sie sprechen von Existentialutopien und meinen damit Entwürfe, die nicht mehr Text sind, sondern solche, in denen sich Leben vollzieht. Wo ist die Existentialutopie beheimatet?

Geistig ist sie überall dort beheimatet, wo auf Missionierung aller verzichtet wird, wo Zugehörigkeit also nicht mehr auf Zwang oder Propaganda beruht, sondern auf wirklicher Kommunikation und freier Zustimmung. Historisch war sie immer dort beheimatet, wo die Gemeinschaften noch klein waren, aber wesentlich alternativ lebten, deshalb oft mit Verfolgungen zu rechnen hatten und in ihrer Schwäche sich in die Verborgenheit zurückzogen. Situativ sind sie heute in den demokratischen Ländern dort beheimatet, wo die Methoden der demokratischen Veränderung einfach zu langsam funktionieren. Dann sagt man sich: Wir können nicht darauf warten, bis die Mehrheit zustimmt, sondern wir ziehen es vor, heute schon anders zu leben, weil dies ja schließlich unser einziges Leben ist.

Mit dem von Ihnen neu eingeführten Begriff der Experimentalutopien gehen Sie einen Schritt weiter: Kein Anspruch auf Universalität wird erhoben, der messianische und missionarische Gestus fehlt, mehr noch, Sie benötigen nicht einmal mehr den Text. Die Utopie als Freiraum für Experimente und Suchprozesse?

Existentialutopien sind nicht bloß Texte, sondern Lebensformen, also eigentlich Kulturen. Aber sie können sich an Texten orientieren, etwa so wie ein Orchester an einer Partitur, wenn auch nicht unbedingt in solcher Strenge. So haben z. B. die Täufer im Jura gelebt. Ihre Partitur war das Neue Testament, nach dem sie gelebt haben. Existentialutopien können aber auch auf vorausgehende Texte verzichten oder sich von den Vorgaben lösen – etwa so wie es Musiker tun, wenn sie improvisieren. Wenn keine Partitur mehr vorhanden ist, in der geschrieben steht, wie jedermann zu leben hat, sondern neue Lebensformen versucht werden, spreche ich zugleich von Experimentalutopien. Das sind Lebensformen, die sich dem Prinzip von Versuch und Irrtum aussetzen und sich so falsifizieren lassen oder sich bewähren. Die Crux ist dann, daß man zugleich in zwei Kulturen steht: in einer Rahmenkultur aller und in einer Binnenkultur weniger, was natürlich bedeutet, daß die Binnenkultur immer in einen fremden Rahmen sich einpassen muß. Man lebt dann im eigenen Land ungefähr so, wie Fremde bei uns leben: in der Gemeinschaft anders als in der Gesellschaft.

Für einen Kommunitarismus der freien Übereinkunft

Sie bezeichnen den Kommunitarismus als Lebensgrundlage für die Experimentalutopie. Was genau ist Kommunitarismus? Und ist es nicht so, daß wer drei Kommunitarier fragt, vier Antworten bekommt?

Da haben Sie ganz recht, und ich werde eine fünfte geben. Der Kommunitarismus beruft sich in seinen bisherigen Formen auf die traditionellen Werte einer Gesellschaft als verbürgte Autorität. Er ist also in seiner Wertbasis neokonservativ, aber nicht neoliberal, weil er zugleich den Individualismus bekämpft. Für einen Kommunitarismus der neokonservativen Werte aber habe ich nie gesprochen, sondern lediglich für einen Kommunitarismus der freien Übereinkunft, wie nun immer die Wertbasis sein mag. Ein neokonservativer Kommunitarismus würde vermutlich nicht eine Experimentalutopie wählen, sondern bestenfalls eine Existentialutopie der bewährten Werte. Mir geht es aber um Utopien, in denen sich Gemeinschaften auch auf neue Werte stützen dürfen, wenn sie das wollen und sich darauf einigen können. Wir hätten dann eine Gesellschaft, in der es zugleich konservative und nicht-konservative Gemeinschaften geben darf. Der Kommunitarismus bestünde nun darin, daß es in der gesellschaftlichen Rahmenkultur gemeinschaftliche Binnenkulturen unterschiedlichster Art gibt, die insgesamt zugleich das Lebensfeld bewährter und das Übungsfeld neuer, utopischer Kulturen sind. Ich glaube, daß dies der multikulturellen Welt am besten entspricht.

Die Kommunitarier propagieren ein Denken, das individuelle und gesellschaftliche Veranwortung miteinander „verheiraten“ will. Die Botschaft lautet: Kümmert euch mehr umeinander, bildet Gemeinschaften. Was ist eigentlich Community?

Wir sollten mit unserer Sprache arbeiten, solange es möglich ist. Gemeinschaft ist 1. etwas, was es nur im Plural gibt. Es gibt Gemeinschaften, und zwar innerhalb einer Gesellschaft. Gemeinschaften sind Formen der Konvivialität, die enger sind als das Mitsein im weiten Rahmen unserer Gesellschaft. Die größere Nähe kann durch mancherlei zustandekommen: durch eine gemeinsame Wertbasis, durch gemeinsame Ziele, durch gemeinsame Herkunft und vieles andere mehr. Das eigentliche Kennzeichen von Gemeinschaften – ich habe es schon gesagt – ist die Selbstverständlichkeit der Solidarität. Wo sie fehlt oder zum Problem geworden ist, sollte man nicht von Gemeinschaften reden, sondern allenfalls von Gruppen.

Kritiker machen auf den wunden Punkt kommunitaristischen Denkens aufmerksam: „Der Versuch, eine Gemeinschaft im nationalen, d. h. für den einzelnen nicht mehr recht überschaubaren Maßstab zu etablieren, wäre vermutlich in Europa wie in den USA dazu verurteilt, in mindestens unehrliche, meist aber gefährliche und den einzelnen unterdrückende Ideologie auszuarten.“

Nach meinem Verständnis kann es keine nationale Gemeinschaft geben. Das ist immer Ideologie. Und die heißt Nationalismus. Aber es ist tatsächlich denkbar, daß Gemeinschaften einen Druck entwickeln und ihre schwarzen Schafe drangsalieren. Wir sprechen jedoch hier von Gemeinschaften, die auf freier Zustimmung beruhen. Man kann die Zustimmung auch entziehen und gehen.

Experimentalutopie: Kunst oder Philosophie, Bühne oder Leben?

Ihre Idee der Utopie experimentiert nicht auf dem Papier, sondern im Leben. „Real life“ also?

Der Sinn der Utopien als Texte war nie die Literatur als solche, sondern das utopische Leben, so wie der Sinn der Musik nie ihre Notation war, sondern das Machen und Hören von Musik. Das experimentelle Leben ist eine andere Art der Frage an das Leben und seinen Sinn als der Text. Im Lesen antwortet allein der Kopf. In der Experimentalutopie antwortet das Handeln. Das Handeln ist aber die Grundkategorie des politischen Lebens.

Ist die Experimentalutopie eine Art Lebenskunst?

Sie ist ineins Lebenskunst und Lebensphilosophie: Lebenskunst, sofern sie das Leben als Zusammenleben zu durchformen versucht; Lebensphilosophie, sofern sie das Gelingen und Mißlingen dieser Formung denkend beurteilt. Sie ist aber nicht Lebenskunst in dem Sinn, daß sie bloß mit dem Leben „spielt„, und sie ist nicht Lebensphilosophie in dem Sinn, daß sie dem Leben aus dem Denken vorgibt, wie es zu sein hätte. Sondern sie ist eine sokratische Lebensphilosophie als Nicht-Wissen. Sie weiß, daß sie nicht weiß, was das Leben ist, noch wie man leben soll. Dann bleibt eben allein der Versuch, und die Hoffnung, daß uns dabei ein Licht aufgehen wird.

Kann die Kunst als genuiner Ort des Experiments, als ideales Laboratorium für utopische Wirklichkeiten und Möglichkeiten betrachtet werden? Ernst Bloch sah in Bertolt Brecht einen Wahlverwandten, als er schrieb: „Das Brechtsche Theater beabsichtigt, eine Art von variierenden Herstellungsversuchen des richtigen Verhaltens zu sein. Oder was das gleiche heißt: Ein Laboratorium von richtiger Theorie-Praxis im kleinen, in Spielform, gleichsam im Bühnenfall zu sein, der dem Ernstfall experimentierend unterlegt wird.“

Nein. Das Experiment der Experimentalutopie ist eben nicht leben im Bühnenfall und nicht Vorgabe für den Ernstfall des wirklichen Lebens. Sondern es ist dieses wirkliche Leben, aber als veränderbar gedacht, wozu wir Lebenserfahrung und nicht Bühnenerfahrung nötig haben. Die Experimente der Kunst sind Experimente der Kunst. Die Kunst hat im Verhältnis zum Leben ihre Eigenweltlichkeit und darin Normen, die im Leben nicht gelten, sowie das Leben sich Normen gibt, die in der Kunst nicht gelten. Nur so ist es verständlich, daß das Reich der großen Kunst zugleich ein Laboratorium der gescheiterten Existenzen sein kann. Brecht war als Künstler groß. Aber als Mitmensch?

Die Sehnsucht im realen Leben ein ideales Leben zu verwirklichen ist nicht totzukriegen. In der Philosophie wird das ideale Sein als Gegenstück zum realen Sein betrachtet. Dieses sei zeitlich, individuell, prozeßhaft; das ideale Sein dagegen zeitlos, allgemein, unveränderlich. Sie sprechen davon, daß menschliches Leben reales Dasein ist, und daß Texte ein ideales Dasein haben. Ist es somit sinnvoll, daß wenn hier von einer neuen Lebenskunst gesprochen wird, diese weniger eine Synthese von real/ideal sein müßte, als vielmehr den Spielfreiraum für Brüche, Knoten und Spannungen öffnen sollte.

Die Utopie ist nur als Text ideales Dasein, als Experiment ist sie reales Dasein. Als reales Dasein kann sie um die Spannungen und Brüche nicht herumkommen, weder um die Sterblichkeit noch um die Zufälligkeit noch um das Leiden. Aber sie ist mit der Hoffnung verbunden, daß sich Gewalt im Zusammenleben minimieren läßt, und daß das Leiden in der Gemeinschaft der Solidarität begegnet.

Jahrhundertwende oder gegen schwarze Prophetie

Die Realisten verdrängen immer mehr die Utopisten: Eine gefährliche These lautet, daß nach dem Ende des Kampfes der großen Ideologien ein erbarmungsloser Zusammenprall der Kulturen bevorstehe. Teilen Sie diese Ansicht?

Im Zentrum meines Nachdenkens über Utopien steht die Frage: Wie können wir zusammenleben, obwohl wir verschiedene Kulturen tradieren und auch noch neue schaffen? Die Antwort lautet: Es ist möglich, wenn wir eine liberale Rahmenkultur haben und innerhalb dieser Raum für Gemeinschaftskulturen, die dann traditionell oder utopisch sein können. Es muß deshalb in der Rahmenkultur ein Grundrecht auf eine eigene Kultur geben und eine Moral der wechselseitigen Achtung, nicht bloß der Toleranz, der Differenz. Die wiederum ist nur möglich, wenn man sich gegenseitig kennt, d. h. wenn man kommuniziert. Diesem Denken liegt nicht die Vorstellung der geschlossenen kulturellen Blöcke zugrunde wie Ihrer Frage, sondern der offenen kulturellen Gemeinschaften, die immer mehr über die ganze Welt verstreut sind. Daß es zu einem Crash der Kulturen kommt, gleichsam zu einem Welt-Kulturkrieg, glaube ich nicht, weil außer einigen Fanatikern alle wissen, daß sie dabei nur verlieren können.

Überlieferte Utopien greifen heute nicht mehr. Gibt es aktuell eine zeitgemäße Verkörperung des „Geistes der Utopie“ (so Ernst Bloch)? Oder ist dieser Geist selber noch utopisch?

Eine überlieferte Utopie ist z. B. das Christentum, wie es in den Texten vorgegeben ist. Ich würde nicht sagen, daß sie nicht mehr „greift“, sondern daß sie als Text nur ideales Dasein hat (das Dasein einer Vision), daß sie als reales Dasein aber weit hinter dem Text zurückbleibt. Gerade das hält aber den utopischen Charakter des Textes am Leben. Fast alle religiösen Utopien haben überlebt. Aber eine säkulare Utopie ist an ihren Verkehrungen zusammengebrochen. Das heißt nicht, daß der „Geist der Utopie“ tot ist. Er ist jedoch, in Verbindung vor allem mit den Wissenschaften, technischer und pragmatischer geworden.

Fehlt es dem utopischen Denken heute an Identifikations- und Integrationsfiguren, etwa wie ein Nelson Mandela als gewaltloser Kämpfer gegen die Rassentrennung?

Die Experimentalutopie kommt ohne solche Identifikations- und Integrationsfiguren aus. Die Gemeinschaft ist ihr produktives Subjekt.

Die Jahrtausendwende steht vor der Tür. Die Unternehmen und Aktionäre maximieren die Gewinne, die Arbeiter fallen unter´s Existenzminimum, die kollektive Psyche leidet unter Depressionen, der Alltag ist härter geworden. Wie sieht ihr hoffnungsvoll utopischer Blick in die Zukunft aus?

Es ist heute leicht, Szenarien der Apokalyptischen Reiter zu entwerfen. Glauben Sie mir, ich könnte Ihnen einige liefern und allen einen Anstrich von scheinlichkeit geben. Gegen ihre Verführung zur schwarzen Prophetie hilft die paradoxe Überzeugung, die ich für eine Wahrheit der Geschichte halte: „Es ist scheinlicher, daß das Unscheinliche geschieht, als das scheinliche.“