Ausstellungen: Stuttgart · von Martin Blättner · S. 374
Ausstellungen: Stuttgart , 1997

Martin Blättner

Gullivers Reisen

Württembergischer Kunstverein, 7.12.1996 – 12.1.1997

1. Utopy

Der Urtypus der neuzeitlichen Utopie geht auf das Buch von Thomas Morus über die Insel Utopia (1516) zurück. Dieser Begriff hat verschiedene Wandlungen bis hin zu den „schwarzen Utopien“ (z.B. Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“) erfahren – die politische Brisanz freilich blieb erhalten. Allenfalls schrumpften ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Großutopien zeitwillig zu idyllisch-romantischen Reisebeschreibungen.

2. »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift

„Gullivers Reisen “ wurden hierzulande als Kinderbücher verkannt. Die populäre Reiseerzählung entpuppt sich als beißende Satire auf das real-politische England des 18. Jahrhunderts (z. B. die Ereignisse zwischen 1710-1714 oder der Jahre 1720-1725). Während der Zwergenstaat „Lilliput“ auf ein Staatsbewußtsein anspielt, das sich im kleinkarierten Streit zweier Parteien (Die Whigs und die Tories) verschleißt, aber Untertanentreue verlangt und mit lächerlichen Gesetzen kaum vorbildlich wirkt, stellt „Brobdingnag“ – das Land der Riesen – die Unvernunft der Herrscher mit beißendem Spott bloß. Swift – der scheinbar harmlose Landpfarrer – rechnete mit der bürgerlich-aristokratischen Gesellschaft ab: „Das Hauptziel, das ich mir bei all meinen Arbeiten steckte, ist eher, die Welt zu ärgern als zu unterhalten, und könnte ich diese Absicht erreichen, ohne der eigenen Person oder meinem Schicksal zu schaden, wäre ich der unermüdlichste Autor …“ Utopien oder Teilutopien sind für den Autor nicht ungefährlich, vor allem wenn der Leser die paradoxe und verderbte Welt mit der Wirklichkeit identifiziert und die Utopie als deren Negativ erkennt.

3. Die Methode von Jonathan Swift (1667-1745)

Das Vorgehen ist mit der Technik eines Röntgengeräts zu vergleichen. Swift be- und durchleuchtet die Wirklichkeit von ungewohnten Perspektiven und erhöht so die Wahrnehmungsfähigkeit. Hinter der gefälligen Fassade erwartet uns die schreckliche Ernüchterung.

4. Die Konzeption vom Württembergischen Kunstverein

Das Motto der jurierten Jahresausstellung will die Maßstäblichkeit als „eine Frage des Verhältnisses zwischen zwei Blickrichtungen, auch im Politischen“ verstanden wissen. Unter anderem auch bezogen auf die subjektive Wahrnehmung und auf die Größenverschiebungen des Alltags und seiner Manipulationen unter Berücksichtigung der neuen Bildmedien. Dieses intelligente Konzept, das dem Kunstverein einen attraktiven Bezugsrahmen zur Öffentlichkeit verschafft, stellt auch die Frage nach der Maßstäblichkeit seiner Mitglieder. Von nur etwa 170 Einsendungen wurden gerade 24 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Das Verfahren geht offenbar von einem künstlerischen Elitebegriff aus.

5. Der mündige Künstler

Die Meßlatte für den individuellen Künstler im Kunstverein war sicher hoch gesteckt. Denn wieviel Intelligenz erwarten wir von einem bildnerisch begabten Teilnehmer? Soll er die ausgeklügelten Vorgaben dieser Institution übertreffen, oder sind wir bereits zufrieden, wenn er das Konzept mit autonomer Mündigkeit erfüllt? Ohne ihn geht jedenfalls nichts.

6. Die Umsetzung

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Sieht man einmal von Thomas Raschke ab, der sich mit brennenden Asylantenheimen auseinandersetzt, so scheint kaum ein Teilnehmer geneigt zu sein, mit so offenkundig formulierter, gesellschaftspolitischer Kritik anecken zu wollen. „Je verschlüsselter, desto sicherer“ heißt offenbar die Devise der Erwählten, die sich sichtlich um zeitgemäße Einfälle bemühen. Manche Ideen – wie die etwas an Kiecol erinnernden Häuser von Annelie Renner – sind geradezu vertraut. Auch die Betrachtungsweisen eines Hermann Pitz haben womöglich Pate gestanden. Die Arrangements knüpfen durchaus an den aktuellen Diskurs an. Etwa wenn Claude Horstmann oder Heidemarie von Wedel über ihre Großfotografien die Frage nach der Realität stellen oder wenn Christine oder Susanne Hofmann den Kontext mit der Verkleinerung verknüpfen. Tilmann Eberwein tauschte gar eine Reihe von Schirmständern an der Garderobe in doppelter Größe aus.

7. Die Konsequenz

Noch zwingender als Astrid Klein oder Kathrin Kaps hat Hanns-Michael Rupprechter den Begriff der Zeitreise auf den Punkt gebracht. Auf einer lapidaren Postkarte teilte er seinen Austritt aus dem Kunstverein zum 31.12.96 und sein Wiedereintrittsgesuch zum 1.1.97 mit. Der Dimensionssprung zwischen dem Individuum und dem Kunstverein wurde so anschaulich demonstriert.

Beteiligt waren außerdem: Reinholdt Adt, Birgit Antoni, Isa Dahl, Ulrike Flaig, Nicole Bold, Susanne Giesa, Anna Ingerfurth, Susanne Hofmann, Manfred Lepold, Irmela Maier, Johannes Rave, Thomas Raschke, Sebastian Rogler, Martin Schwarz, Mario Strzelski, Thomas Weber.

von Martin Blättner

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