Ausstellungen: München · von Justin Hoffmann · S. 373
Ausstellungen: München , 1997

Justin Hoffmann

Liebes-Geschichten

Galerie Carol Johnssen, 4.12.1996 – 1.2.1997

Liebe wird oft überbewertet“, stellt lapidar die Berliner Frauenband „die Lassie Singers“ auf ihrem jüngsten Album fest. Sie wendet sich damit gegen ein Phänomen, das in der Popmusik zu negativsten Auswüchsen wie zahllosen Schnulzen, Balladen und anderen Schmuse-Pop-Produkten führte. In der bildenden Kunst hat die Liebe noch keine vergleichbare Bedeutung erlangt. Eine Ausstellung, die explizit dieser Thematik nachgeht, ist eine Seltenheit. Die von der Kritikerin Barbara Rollmann kuratierte Präsentation mit dem Titel „Liebes-Geschichten“ gehört daher zu den wenigen Ausnahmen.

Eine Überbewertung der Liebe wird in der Psychologie in erster Linie den sogenannten Hysterikern zugeschrieben, denen die Liebe als das Höchste gelten soll. Glaubt man den Theorien von Lacan, bleibt aber nicht nur für jene die sexuelle Beziehung letztlich unmöglich. Um sich die Unzugänglichkeit des Liebesobjekts nicht eingestehen zu müssen und die Libido noch zu steigern, errichtet der Mensch Hindernisse. Sie können aus räumlichen und sozialen Distanzen bestehen. Um Entfernungen zu überwinden, schickt man Briefe. In ihnen lassen sich Liebesphantasien besonders wirksam ausbreiten. Heftigste Emotionen finden darin ihren prägnanten Niederschlag. Der französische Künstler Jean Luc Cornec wählte Briefanfänge zum zentralen Motiv seiner Bildkompositionen. Die mit der Hand geschriebenen Worte „Liebe“ oder „Lieber“ stehen auf bunt gemusterten quadratischen Bildfeldern. Betrachtet man die komplexen Strukturen des Bildgrunds jedoch genauer, so erweisen sie sich vergleichbar mit Werken von Thomas Bayrle als serielle Anordnungen von sexuellen Positionen – Kryptographien, mit denen Cornec offensichtlich das Unterbewußte jenseits des Sprachlichen und damit das Begehren des Schreibenden freilegen möchte.

Es gibt keine Liebe, so…

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