Ausstellungen: Hagen/Münster · von Jörg Restorff · S. 351
Ausstellungen: Hagen/Münster , 1992

Jörg Restorff

Henry van de Velde

Ein europäischer Künstler in seiner Zeit

1910 – Halbzeit der Moderne, Van de Velde, Behrens, Hoffmann und die anderen

Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschiche,

Münster, 6.9. – 8.11.1992

Im Sommer des Jahres 1887 machte der 24jährige Henry van de Velde (1863-1957) eine folgenschwere literarische Entdeckung: In Wechel der Zande, einem kleinen belgischen Dorf, wohin sich der Absolvent der Antwerpener Kunstakademie nach kurzem Paris-Aufenthalt zurückgezogen hatte, um hier, in dem zum zweiten Barbizon erkorenen Provinzflecken, der Freilichtmalerei nachzugehen, las er Nietzsches Zarathustra. Das rauschhafte Kultbuch des Fin de siècle zog auch den jungen van de Velde nachhaltig in seinen Bann: Auftakt einer intensiven Beschäftigung des belgischen Künstler-Architekten mit dem deutschen Künstler-Philosophen, die im Umbau des Nietzsche-Archivs in Weimar (1902), in der 1908 durch van de Velde gestalteten Prachtausgabe des Zarathustra und in den nicht realisierten Entwürfen für einen „Nietzsche-Tempel“ (1911/12) ihren Niederschlag fand.

Im Zarathustra hatte Nietzsche dekretiert: „Wehe allen Tischen und Wänden, und was noch Platz hat für Narren-Zierat, Narren-Schmierat.“ Und, an anderer Stelle: „Alles Gerade lügt.“ Zwei Parolen, die jede für sich einen zentralen Aspekt des Schaffens von van de Velde erfassen. Dem historistischen „Narren-Zierat“, der vergangenheitsseligen Kostümierung von Fassade und Interieur à la Gotik, Renaissance oder Barock, setzte der Hauptakteur des Jugendstils seinen umfassenden Gegenentwurf von Innenarchitektur, Mobiliar, Gebrauchsgut und Typographie entgegen. Hierzu entwickelte van de Velde eine noble Formensprache, seine – vor allem durch das berühmte „Tropon-Plakat“ von 1898 bekannt gewordene – Ornamentik ohne rechten Winkel: elegant, geschmeidig fließend, arabeskenhaft verschnörkelt und jede…

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