Ausstellungen: Ittingen · von Michael Hübl · S. 395
Ausstellungen: Ittingen , 1999

Michael Hübl

Im Partizipationsdunkel

»Jochen Gerz: Miami Islet. Hommage für Robert Smithson«

Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Kartause Ittingen, 19.10.1998 – 20.4.1999

Glas ist ein Stoff der Moderne. Die alten Kulturen kannten ihn, die Römer haben ihn reichlich verwendet, aber erst seit dem Crystal Palace verheißt Glas eine lichte Zukunft, für deren durchrationalisierte Effizienz und windschnittigen Fortschritt das Material unentbehrlich werden sollte. Anfang des 20. Jahrhunderts avanciert es zum Mittel einer vollständigen Synthese von Natur und Kultur: „Die Erdoberfläche würde sich sehr verändern, wenn überall die Backsteinarchitektur von der Glasarchitektur verdrängt würde“1, schreibt Paul Scheerbart, und Bruno Taut, dem der hellsichtig-spinnerte Pazifist solche Zeilen widmet, entwirft gläserne Bergbekrönungen für die Alpen. Die Gipfel des Watzmanns will Taut mit einer „mächtigen gläsernen Kette“2 verbinden, und wenn dieses Collier im Gebirge schon nicht zu verwirklichen ist, taugt es doch als Name einer Arbeitsgruppe und als Metapher für den Beitrag der Architektur am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. „Das Glas bringt uns die neue Zeit, Backsteinkultur tut uns nur leid“3 verkündet einer der Aphorismen, mit denen Taut und Scheerbart das Glashaus für die Deutsche Werkbund-Ausstellung, Köln, 1914 ideologisch verzierten. Heute träumt vielleicht mancher von einem Backsteinhäuschen, während er gerade die Großflächenfenster seiner Mietblockwohnung schließt, weil unten wieder einer die Überbleibsel alkoholischer Tristessebekämpfung entsorgt, Flasche um Flasche, am Glascontainer.

Jochen Gerz baut auf gängige, allgemein vertraute Handlungsstereotypen, wenn er für seine Ausstellung „Miami Islet“ das Publikum auffordert, eine Flasche in das Kunstmuseum des Kantons Thurgau mitzubringen, und dort, in der Kartause Ittingen, Gelegenheit schafft, die vorwiegend grünen Pullen gegen eine Wand…

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