Magazin , 2000

Jacques Derrida:
Politik der Freundschaft

Freundschaft dürfte niemand für eine nebensächliche Angelegenheit halten. Auch dass es nicht immer einfach ist, Freunde zu gewinnen und Freundschaften aufrechtzuerhalten, wird niemand bestreiten. Wenn aber von einer Politik der Freundschaft die Rede ist, dann wird es vermutlich für manche zweifelhaft sein, ob hier nicht ein Zusammenhang behauptet wird, der am Eigensinn wahrer Freundschaft vorbeigeht.

Allerdings wird man zugeben müssen, dass es hier zwei Arten bzw. zwei Begriffe vom Freund gibt. Wenn man nämlich etwa von Freunden der Kunst oder sogar Freunden bestimmter Kunstrichtungen spricht, hat man nicht unbedingt den Fall der unersetzbaren Bezugsperson im Sinn. Jochen Gerz hat ganz auf dieser Linie kürzlich1 den Wunsch danach formuliert, dass die Freunde alter Kunst zu Freunden zeitgenössischer Kunst werden mögen. Hier und in ähnlichen Situationen, spielt das Gewicht von Freundschaften in konkurrierenden Bündnissen eine entscheidende Rolle.

Die Frage wäre nun, ob jene andere Art von Freundschaft die auf das Unvergleichliche einer singulären Person bezogen bleibt, einer vollkommen inkommensurablen Kategorie angehört, oder ob es doch ein Feld mehr oder weniger subtiler Verbindungen zwischen dem einen und dem anderen Fall gibt, so dass man etwa von verschiedenen Modellen sprechen könnte, die in ein Netzwerk kultureller Figuren und Werte eingebettet sind.

Jacques Derrida geht in seinem Buch dieser und damit zusammenhängender Fragen anhand eines Zitats nach, das er wieder und wieder und aus immer neuen Perspektiven befragt, und das den Zweifel an der Vorstellung von einfachen Beziehungen in einem Satz (auf griechisch sind es gerade drei Wörter) zum Ausdruck bringt: „Oh meine Freunde,…

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von Michael Hauffen

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