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Ausstellungen: Paris · von Doris von Drathen · S. 405 - 407
Ausstellungen: Paris , 1994

Doris von Drathen
Jean-Pierre Bertrand

Musée d`Art Moderne de la Ville de Paris,
9.12.1993 – 30.1.1994

Warte. Ich kann nicht antworten. Du weißt wohl,” sagt Sokrates zu Phaidros in Paul Valérys “Eupalinos”, “daß die Überlegung bei den Toten im ganzen vor sich geht. Wir sind jetzt zu sehr vereinfacht, um nicht die Bewegung irgendeiner Idee gleich bis ans Ende mitzumachen. Die Lebendigen haben einen Körper, der ihnen erlaubt, aus dem Wissen herauszutreten und dorthin zurückzukehren. Sie bestehen aus einem Haus und einer Biene.”

Das Haus der Bienen besteht aus Honig, und die Waben sind in kristallinem System gebaut. So sieht auch das Werk von Jean-Pierre Bertrand aus. Honiggetränkte Papiere, monochrome Tafeln, die nach einem kristallin kalkulierten Prinzip angeordnet sind, so als wäre jemand süchtig nach Zahlen. Bertrand ist süchtig nach der Zahl 54. “Das ist die einzige Zahl, deren Differenz von ihrer Umkehrung, nämlich 45, dieselbe Ziffer ergibt, nämlich 9, und neun ist zusammengesetzt aus 4 + 5.” Bertrand ist ein guter Kopfrechner. Das hat er wohl zu Haus gelernt; der Vater hatte eine große Epicerie, einen Kolonialwarenladen, wo es nach Pfeffer, grünen Zitronen, Zimt, Teppichen und Einwickelpapier roch.

Im alten Testament ist die Zahl 54 die Zahl der Allianz, des alles Verbindenden. Bertrand weiß davon nichts, er ahnt nur, wie jeder wirkliche Künstler. In seiner beinahe psychoanalytischen Vorgehensweise, aus Erinnerungen formelartige Objekte zu schaffen, ähnelt er Rebecca Horn, die ihr Werk vergleicht mit einem “alchemistisch austarierten Verarbeitungsprozeß psychischer Erfahrungen”.

Rebecca Horns Werk beunruhigt, weil der Zuschauer so etwas spürt wie eine lauernde Gefahr, als…



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von Doris von Drathen

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