Essay , 1999

THOMAS WULFFEN

Kunst und Wissenschaft

ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM PREKÄREN VERHÄLTNIS

Wir müssen in der Kunst neue Werte schaffen – wissenschaftliche Werte, und nicht sentimentale.

Marcel Duchamp, 1915

Die Zeiten haben sich geändert. Was sich ehemals aus einer gemeinsamen Quelle speiste, steht heute in Opposition. Die gemeinsame Quelle für Kunst und Wissenschaft war die ‚techne‘ in der griechischen Antike. Heute aber begegnet man dieser gemeinsamen Wurzel nur noch in den jeweiligen peripheren Bereichen, in denen sich Außenseiter, Amateure und Abenteurer finden. Dennoch scheinen sich in diesem oppositionellen Verhältnis Veränderungen abzuzeichnen, die ebenso von der Kunst wie von der Wissenschaft initiiert werden. Von einem Paradigmenwechsel kann man nicht sprechen, aber es entstehen Annäherungen, die als Reaktion auf veränderte Bedingungen in den jeweiligen Erkenntnisbereichen zu verstehen sind.

Mythos Sinnlichkeit

Wer allerdings im Umfeld künstlerischer Produktion von Erkenntnis oder Episteme redet, begibt sich auf schlüpfrigen Boden. Denn landläufig bleibt Kunst vor allem ein Ausdrucksmedium, das nach Sinnlichkeit und unmittelbarer Erkenntnis verlangt. Während von einer neuen mathematischen Formel dergleichen nie gefordert wird, sieht sich zeitgenössische Kunst diesem Anspruch immer wieder von neuem ausgesetzt. Die Reaktionen auf die documenta 10 von Catherine David belegen dies eindeutig, und selbst die Experten scheinen dergleichen als conditio sine qua non zu begreifen, obwohl gerade sie es besser wissen müßten. Denn ähnlich wie die Wissenschaft kennt Kunst Ableitungen aus vorhergehenden Ergebnissen, die nachvollziehbar sind, sei es in dem Werk eines einzelnen Künstlers oder in einer zeitgenössischen und zeitgemäßen Kunstgeschichtsschreibung. Die Brüche in einer solchen Entwicklung, die nicht als Teleologie zu verstehen ist, sind rar und auffallend,…

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von Thomas Wulffen

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