Magazin: Publikationen · von Jörg Restorff · S. 490
Magazin: Publikationen , 1997

Lambert Wiesing:
Die Sichtbarkeit des Bildes

Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik

Die rasante und radikale Entwicklung des Bildes in diesem Jahrhundert zeitigte solch unterschiedliche Phänomene, daß es nahezu aussichtslos erscheint, hierfür den gemeinsamen Nenner einer übergreifenden Kunsttheorie zu finden. Die überkommene gegenständliche Malerei, das abstrakte Bild, der Film und die interaktiven Spielwiesen der virtuellen Realität, sie alle finden Quartier im großen Haus der Kunst, aber jeder – so scheint es – haust in seinen eigenen vier Wänden, und Begegnungen im Treppenhaus sind eher zufällig.

Bei diesem vorläufigen Befund des naiven Beobachters kann es die philosophische Ästhetik nicht bewenden lassen. Die fundamentalen Umbrüche in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts erfordern vielmehr neue Erklärungsmodelle, mit deren Hilfe die zusammenhanglose Paradoxie in ein folgerichtiges Entwicklungsschema überführt wird. Die traditionellen Ästhetiken Kants oder Hegels, in denen die Kunst dem Schönen und Absoluten verschwistert ist, sind hierfür unzureichend. Die Rezeptionsästhetik ist so sehr mit der Ermittlung der ästhetischen Erfahrung beschäftigt, daß sie deren Stimulans, das Kunstobjekt, ausblendet. Und auch die gegenwärtig dominierenden sprachanalytischen Philosophien, die das Kunstwerk auf seinen Charakter als Zeichen reduzieren, werden einer Kunst, die sich von Repräsentationszwecken weitgehend emanzipiert hat und Kommunikation, Diskurs und Sinn oft bewußt verweigert, kaum mehr gerecht.

In dieser Situation stellt Lambert Wiesings Untersuchung „Die Sichtbarkeit des Bildes“ ein ungewöhnliches philosophisches Gegenmodell zur Diskussion. Die Fragen, die sich aus der Revolution in der Bilderwelt des 20. Jahrhunderts ergeben, beantwortet er mit einer Besinnung auf „Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik“ (so der Untertitel).

Der Prozeß der Entstehung neuer Bildformen, besonders spektakulär in…

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