Magazin: Bücher , 2004

Li Zhensheng:Roter Nachrichtensoldat

In Zeiten weltweiter Rezession gleitet gegenwärtig der Blick nach Osten, ins Reich der Mitte, der einst verschlossenen Perle, die gerade im Fieberrausch eines entfesselten Megalokapitalismus haltlos Geld auszuschwitzen scheint, wo immer sich im Land wirtschaftlich etwas bewegt. Allen kommunistischen Doktrinen zum Trotz stürzt man sich auf die Verheißung wirtschaftlichen Wachstums im Land, plant und baut gigantische Wohn- und Arbeitskomplexe und alle nur denkbare Arten von Infrastruktur. Man krempelt ganze Landstriche und die Gesichter der Städte radikal um; produziert, was die ständig erweiterten industriellen Anlagen hergeben und überlässt Randerscheinungen sozialer Art sich selbst. Unterhaltung und Konsum werden groß geschrieben, Kritik und Selbstverständlichkeiten wie eine freie Presse oder unreglementierter Zugang zum Internet gehören immer noch zu den No-Nos. Begleitet wird der neue chinesische Aufbruch, der besser nicht mit allmählicher Demokratisierung gleichzusetzen ist, von einem weltweiten Medienecho, sowohl im Wirtschaftsteil als auch in den Feuilletons – die in boomenden Städten wie Shanghai so etwas wie das New York vom Anfang der Achtziger Jahre lesen wollen. Deutsche Postillen wie „Max“ die so ziemlich als Einzige die Neunziger überlebte, titeln Schlagzeilen dazu, die klingen, als stünde mit Shanghai nun endlich wieder ein brodelnder Pol des entfesselten Kapitalismus der durchschnittsdeutschen Imagination zur Verfügung, den New York spätestens seit dem 11. September nicht mehr darstellen kann. So ist es dem Phaidon-Verlag nicht hoch genug anzurechnen, dass er mit „Roter Nachrichtensoldat“ ein seltenes Dokument chinesischer Dokumentarfotografie publiziert, das eine Phase beleuchtet, die angesichts des nach China gerichteten hochfahrenden Hoffnungen auch im Westen nur zu gern vergessen…

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von Magdalena Kröner

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