Magazin: Symposien & Kongresse , 2001

INGO AREND

Liebesarbeit

Arts Club – Die Kulturpolitik sucht neue Begründungen

Etwas mulmig war mir doch. Mit drei Neonazis in kurzen Hosen und Muskel-T-Shirts stand ich Mitte Mai stumm auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Die Sonnenbrillen ins gegelte Haar geschoben, zupften sie souverän und wie Profis die Schleife an dem Blumengebinde zurecht, die sie auf das Grab mit dem einfachen Stein mit der Aufschrift Bertolt Brecht gelegt hatten. Kameras surrten.

Die denkwürdige Szene war sicher nicht ganz das, was sich der slowenische Philosoph Slavoj Zizek vorgestellt hatte, als er vergangene Woche auf dem Berliner Kongress der Kulturpolitischen Gesellschaft die „Begegnung“ zur neuen Leitidee der Kulturpolitik ausgerufen hatte. Eigentlich hatte er mit der Forderung, dem „ausgeschlossenen leidenden Anderen direkt die Hand zu reichen“ die Ausgegrenzten in der Dritten Welt gemeint. Der Handschlag dagegen, mit dem mich der Düsseldorfer Sonnenbanknazi Torsten Lemmert, ganz der Presseprofi, begrüßt hatte, war kalkuliert. „Die kommen aber hoffentlich nicht rein“ rief er, wie um seine prompte Läuterung vom nazistischen Gedankengut zu demonstrieren, das er mit Deutschlands größtem rechten Musiklabel bedient, als ihm der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Rezzo Schlauch, bei einem eigens arrangierten Besuch für die Protagonisten von Christoph Schlingensiefs „Hamlet“-Projekt erklärte, wo im Reichstagsplenum die Republikaner säßen, würden sie denn ins Hohe Haus gewählt. Es war wie aus dem Bilderbuch der Kulturtheoretiker. „Kunst hat Macht“ hatte der Vorsitzende der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Essener Kulturdezernent Oliver Scheytt, beim Empfang von Bundespräsident Johannes Rau im Schloss Bellevue beseelt gerufen. Die Kunst verändert, ja sie verbessert die Menschen. Es war zu schön,…

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