Ausstellungen: Hamburg , 2013

Rainer Unruh

Maria Lassnig

»Der Ort der Bilder«

Deichtorhallen Hamburg, 21.6. – 8.9.2013

Nehmen wir einmal an, der Badezimmerspiegel würde von einem Tag auf den anderen nicht mehr unser müdes Gesicht zeigen, sondern unser Inneres: den Druck auf der Brust, das Kribbeln in den Nebenhöhlen, das trockene Gefühl im Hals. Vielleicht würden wir uns dann so wahrnehmen, wie Maria Lassnig (Jahrgang 1919) Menschen malt, vor allem sich selbst. „Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt)“ heißt ein Bild von 2000, eine von 115, teilweise noch nie ausgestellten Arbeiten aus den Jahren 1945 bis 2012, die in einer großen Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen versammelt sind und danach ins New Yorker PS 1 wandern. Wir sehen auf der einen Seite der Leinwand die Künstlerin, mit offenem Mund, den Blick in die Ferne gerichtet, und auf der anderen Seite ein Monster mit deformiertem Kopf, in dessen Mitte ein violett eingefasster Schlitz aufblitzt, darunter eine brennende Kehle in grellem Rot.

Die Frage, wie sich unser Körpergefühl in Bilder übersetzen lässt, ist das zentrale Thema der österreichischen Malerin, die in diesem Jahr den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig erhielt. Das früheste Bild der Ausstellung, ein Selbstporträt von 1945, steht noch ganz im Zeichen Kokoschkas. Aber schon bald wirft die Künstlerin den Ballast der Tradition ab. Fortan wird Lassnig das Formenrepertoire der Kunst darauf prüfen, ob es ihrer Absicht dienlich ist, das Körperbewusstein zu visualisieren. Wo sie das Tun ihrer Zeitgenossen als nützlich empfindet, greift sie es auf und ordnet es ihren Zwecken unter. 1959/60 entstehen Bilder in der Art des…

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