Magazin: Publikationen , 1997

Mit Giotto ins Ruhrgebiet

Max Imdahls Gesammelte Schriften

Seinem akribischen, 1980 im Fink-Verlag erschienenen Hauptwerk ‚Giotto. Arena-Fresken‘ gibt der 1988 verstorbene Kunsthistoriker Max Imdahl als Untertitel drei Begriffe bei, die seine analytische Arbeit als Programm einer bildtheoretisch fundierten Kunstwissenschaft kennzeichnen: Ikonographie, Ikonologie, Ikonik. Diese Begriffe sollen zwar die traditionellen Anstrengungen des kunstgeschichtlich rekonstruktierenden ‚Lesens der Bilder‘ einbeziehen, aber auch bis an die Grenzen einer formalen Semiotik reichen. Bindeglied zwischen der meist textlichen oder alltagskulturellen Rückbezüglichkeit ikonographisch deutbarer Bilder und der nicht auf Anderes reduzierbaren Eigenheiten des Bildlichen ist für Imdahl die Ikonologie. Zwar stützt sich Imdahl eher auf Erwin Panofsky als auf Aby Warburg, weil er dessen medialer Bildanthropologie ebenso mißtraut wie den Versuchen, die Macht der Bilder strukturell als mindestens zu großen Teilen unüberwindliche magische Wirkungskraft auszuzeichnen. Aber es geht ihm dann doch – und dies wesentlich in Absetzung von Panofsky – nicht um eine kategoriale Synthese des durch die Bilder zur Erscheinung kommenden menschlichen Geistes im allgemein, sondern um die Wirkung der besonderen Bildform auf den Betrachter. Die ikonologische Dimension entspräche derjenigen der Semiotik, in welcher der im Zeichen mitgegebene Interpretant auf den menschlichen Interpreten einwirkt. Eine Verknüpfung, die auch als ‚phatische‘ Funktion bekannt ist. Im Unterschied zur Ikonographie, welche immer die Kenntnis bestimmter Texte voraussetzt – im Falle Giottos sind das die Evangelien und ihre kanonischen Deutungen seit den Kirchenvätern -, ist die ikonologische Funktion an die Übermittlungskraft, an die Emphase gekoppelt. In ihr treffen Bildform und Anschauungsform des Betrachters zusammen. Es herrscht eine bestimmte rhetorische Absicht der Bilder…

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von Hans Ulrich Reck

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