Biennalen: Berichte · von Ingo Arend · S. 209
Biennalen: Berichte , 2015

14. Istanbul Biennale

Mit Leo Trotzki im Salzkanal

von Ingo Arend

Humanismus war eines der Stichworte von Bakargievs Documenta 13 2012 in Kassel. Und so wie sie mit fast jeder Schau ihren Künstlern von Francis Alÿs bis William Kentridge treu bleibt, verfolgt sie auch in Istanbul hartnäckig ihre ästhetisch-philosophischen Grundfragen. Nichts könnte ihr Interesse an der Grenzlinie zwischen Natur, Wissenschaft und Kunst besser demonstrieren als das Zentralstück ihrer Schau im Istanbul Modern, dem privaten Kunstmuseum der Familie Eczacıbaşı. Fast könnte man von einem „System Bakargiev“ sprechen, so wie sie hier mit einer Installation namens „The Channel“ der 14. Istanbul Biennale eine visuelle Präambel voranstellt und das Grundthema vorgibt, das alle 36 Ausstellungsorte leitthematisch durchzieht. Auch in Kassel hatte sie in der Rotunde des Fridericianums Hochkulturelles neben Profanes und neben präantike Skulpturen „vor der Kunst“ gestellt.

Deswegen liegen in Istanbul in einer Glasvitrine der Erstdruck eines Buches von Charles Darwin über die Befruchtung und Kreuzung ausländischer und britischer Orchideen aus dem Jahr 1862 neben Vasen des belgischen Art-Nouveau-Artisten Émile Gallé und Architekturzeichnungen des italienischen Bauingenieurs Raimondo Tommaso d’Aronco, der Ende des 19. Jahrhunderts zum Chefarchitekten von Sultan Abdülhamit II. avancierte. Deswegen finden die Besucher ein Buch des deutsch-österreichischen Naturforschers Karl von Frisch über den Tanz der Bienen, ein Schwarzweiß-Video des amerikanischen Naturforschers William Irvine über das Phänomen von Knotenbildungen in Flüssigkeiten oder die Zeichnungen des Naturforschers Santiago Ramón y Cajal, der Künstler sein wollte, aber Neuronen und Synapsen entdeckte. Deswegen sehen sie die Bilder des brasilianischen Umweltaktivisten und Malers Frans Krajcberg.

Vor allem finden sich hier…

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