Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 26
Fragen zur Zeit , 2015

Michael Hübl

Apps und andere Happen

Was Billigfluggesellschaften und manche Ausstellungsprogramme gemein haben

Duchamp kann nichts dafür. Der Maler, Schachspieler und Kunstkonzeptualist hat sich noch am Abend vor seinem Tod – von dem er nicht wissen konnte, aber den er vielleicht geahnt hat – mit engsten Freunden zu einem exquisiten Diner getroffen. Duchamp war Feinschmecker. Der Franzose und Wahl-Amerikaner hat zwar das Readymade salonfähig gemacht, doch er hätte wohl kaum befürwortet, was Billigfluggesellschaften und deren Nachahmer ihren Passagieren als Verköstigungsangebot offerieren. Snacks und Smoothies, gern auch vegan oder sonstwie ökologisch wertvoll und mit gesundheitsaffinen Gütesiegeln versehen. Die Kalkulation ist klar: Da muss nicht mehr in Großküchen bei hohen Personalkosten geschnippelt, gerührt, gekocht, sterilisiert und portioniert werden, es fallen auch keine Reste mehr an, die am Ende des Transportverhätnisses angeknabbert oder unverzehrt im Speisemüll landen. Der Billigflugreisende mag zwar ein geringeres (oder gar kein) kulinarisches Vergnügen empfinden, für den Carrier hingegen sinkt das wirtschaftliche Risiko. Hier erhält die Formel „No risk – no fun“ eine völlig neue Bedeutung.

Wobei die Entwicklung selbst so neu nicht ist. Neu sind nur die Folgen, die sie anscheinend nach sich gezogen hat. Die Konditionierung von Menschen, die unter dem euphemistischen Label ‚Fluggast‘ unterwegs sind, auf standardisierte Fertigprodukte findet offenbar ihre Entsprechung in Bereichen, die über die unmittelbare Nahrungsaufnahme hinausreichen. Die Schokoriegel oder Chips-Dosen werden quasi als Selbstverständlichkeit hingenommen, denn der Konsument kennt die kompakt verpackten Kalorienrationen und ist an sie gewohnt. Sie sind ebenso bequem wie rasch verfügbar, und dieser Griff zur bequemen Verfügbarkeit setzt sich mittlerweile fort im…

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