Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst · von Maria Anna Tappeiner · S. 30
Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst , 2015

Wendezeiten – Deutschland in der Kunst

herausgegeben von Maria Anna Tappeiner

Nationen malen keine Bilder“, schrieb Werner Hofmann 1999 in seiner Streitschrift Wie deutsch ist die deutsche Kunst?. Mit der Praxis künstlerischen Arbeitens haben nationale Zuschreibungen wenig zu tun. Schließlich befinden wir uns in einem postnationalen Zeitalter, in dem nationale Zugehörigkeiten und Fragestellungen in globalen Zusammenhängen aufgehen und Teil eines internationalen Geflechts sind. Dennoch ist jeder Mensch durch seine Herkunft, seine Sprache und sein Lebensumfeld politisch und kulturell sozialisiert. Das beeinflusst Denken und Handeln und wirkt sich natürlich auch auf die Kunstproduktion aus.

Anlässlich des 25-jährigen Jahrestags der deutschen Einheit stellt dieser Band exemplarisch Künstler und Werke vor, die sich mit Deutschland auseinandersetzen. Dabei fällt auf, dass die Wiedervereinigung die Vergangenheitsbewältigung als beherrschendes Thema in den Hintergrund gerückt und das Selbstbewusstsein gestärkt hat. Der Mauerfall markiert auch das Ende der Nachkriegszeit: 1990 erhielt Deutschland mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag erstmals seit 1945 wieder die vollständigen Rechte eines souveränen Staates. Fast gleichzeitig wurde die globale Marktwirtschaft mit ihrem Wachstumsdiktat zum politischen Leitgedanken, und die Globalisierung und Medialisierung fast aller Lebensbereiche begann ihren Siegeszug. Heute ist Deutschland ein Einwanderungsland, die aktuellen Flüchtlingsbewegungen werden das Land und Europa weiter verändern. Alle diese Faktoren haben das Selbstbild der Deutschen, aber auch den Außenblick massiv verändert.

Wendezeiten – Deutschland in der Kunst spannt einen Bogen zwischen Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Generationen und gibt Einblicke in ihr Werk und ihr persönliches Verhältnis zu Deutschland. In den Werken, Autorenbeiträgen und Interviews wird Deutschland auf unterschiedliche Weise als Geschichts-, Kultur- und Sozialraum reflektiert, werden Fragen nach nationaler und kultureller Identität umkreist und untersucht. In den Beiträgen wird den Fragen nachgespürt, wie Globalisierung, Ökonomisierung und Migration auf die künstlerischen Praxen einwirken und inwiefern das Nationenprinzip – das sich etwa bei den Länderpavillons der Venedig-Biennale noch findet – im globalen Kunstbetrieb heute noch Gültigkeit hat.

Im Rahmen des ersten Kapitels Geteiltes Deutschland – Wendejahre befasst sich KARIN THOMAS eingehend mit Kunst und Künstlern in Deutschland vor dem Mauerfall, einer Zeit, die stark von den traumatischen Erfahrungen und Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der Teilung Deutschlands geprägt war. Der Beitrag von MARIA ANNA TAPPEINER nimmt Werke zur Wiedervereinigung in den Blick und bettet sie in den gesellschaftspolitischen Kontext der Wendejahre ein. UTA M. REINDL spürt dem Thema Deutschland in der Fotokunst in Ost und West nach und stellt die unterschiedlichen künstlerischen Ansätze heraus.

Im zweiten Kapitel, das die Selbstbespiegelung und den Außenblick ins Zentrum rückt, schreibt HOLGER KUBE VENTURA über Christoph Büchels umfassende Ausstellung Deutsche Grammatik in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel 2008 und analysiert das vom Künstler vermittelte Deutschlandbild. MARIE-HÉLÈNE GUTBERLET untersucht entlang von Großausstellungen mit dem Schwerpunkt Afrikanische Kunst die Mechanismen des Umgangs mit außereuropäischer Kunst und stellt die Frage nach einer interkulturellen Idee von der Zukunft in den Raum.

Im letzten Kapitel Globale Kunstwelten schreibt BURCU DOGRAMACI über Migration als Herausforderung für die Kunst und stellt die Sprache als wichtiges Identifikationsmoment heraus. Auch wenn das Thema Migration heute in einem Großteil der Werke nicht offen zutage tritt, so ist die Auseinandersetzung mit Identität, Zugehörigkeit und kultureller Verortung bei vielen Künstlern doch zentral. BARBARA STEINER beschließt das Titelthema mit ihrem Text Künstlerische Praxis im Geflecht von Ökonomisierung und Globalisierung und weitet die Perspektive über die Landesgrenzen hinaus. Schließlich haben sich nicht nur Kapitalströme globalisiert, sondern auch die Kunst und ihre Diskurse.

Durch alle Kapitel ziehen sich Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern, die sich in ihren Werken eingehend mit Deutschland beschäftigt haben – und dies auch immer wieder tun. Thomas Demand, Jörg Herold, Thomas Kilpper, Michaela Melián, Dan Perjovschi, Cornelia Schleime, Katharina Sieverding und Klaus Staeck umkreisen Themen wie nationale Mythen und Symbole, das historische Erbe, die Auswirkungen von Faschismus und Rechtsextremismus, die deutsch-deutsche Geschichte, das kollektive Gedächtnis, Kapitalismus und Globalisierung bis hin zur Verantwortung Europas und dem Umgang mit Migration. Die meisten Interviews wurden 2013 geführt, doch gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wird deutlich, wie weit die Künstler mit ihren Themen und Gedanken immer wieder ihrer Zeit voraus sind. In der Reihe Ein Künstler, ein Werk werden Künstler und Werke vorgestellt, die in ihrer oft langjährigen Auseinandersetzung mit Deutschland stellvertretend für eine besondere Sichtweise stehen.

Fünfundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich vieles verändert: Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt wählen seit den neunziger Jahren vermehrt Deutschland – und dabei allen voran die Hauptstadt Berlin – als Lebens- und Produktionsort. Internationale Kuratoren leiten immer öfter große Ausstellungshäuser und Kulturinstitutionen in Deutschland, und die außereuropäische Kunst gerät zunehmend ins Blickfeld der Museumsleiter und Kuratoren. Die Kulturstiftung des Bundes richtet vermehrt internationale Förderprogramme aus und unterstützt Schwerpunktthemen wie Afrika oder Lateinamerika. Die kommende documenta 14 unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk wird 2017 gleichberechtigt in Athen und Kassel durchgeführt (Arbeitstitel: „Von Athen lernen“). All dies zeigt, dass Deutschland in Bewegung ist und sich die Sichtweisen verändern.

Exemplarisch nehmen die hier abgebildeten Arbeiten von Gerhard Richter und Naneci Yurdagül zwei Pole ein. Richter befragt in seinem Werk Schwarz, Rot, Gold – eine Auftragsarbeit für den Besuchereingang des Berliner Reichstagsgebäudes – die deutsche Flagge künstlerisch und transformiert sie. Dabei bleibt sie als Zitat des Hoheitssymbols und sehr unmittelbare Auseinandersetzung mit Deutschland unverkennbar. Der in Frankfurt am Main geborene Künstler und Städelschüler Naneci Yurdagül installierte 2002 ein Banner mit der Aufschrift Deutsch mich nicht voll auf dem Dach der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – ein Kommentar zu den Maidemonstrationen desselben Jahres, bei denen Rechtsextreme durch die Hauptstadt liefen und ihre ausländerfeindlichen Parolen verbreiteten. In beiden Arbeiten reflektieren die Künstler nationale Identität und zeigen einen ausschnitthaften Blick auf ein Land, das im Wandel begriffen ist und für jeden etwas anderes bedeutet.

von Maria Anna Tappeiner

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