Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst · von Maria Anna Tappeiner · S. 82
Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst , 2015

Thomas Kilpper

Erst in der Wechselwirkung mit der Gesellschaft wird Kunst wirksam

von Maria Anna Tappeiner

Thomas Kilpper eignet sich leer stehende Räume an und definiert sie durch seine künstlerischen Interventionen neu. Ausgangspunkt ist dabei immer die konkrete Geschichte der Orte und Räume, sei es ein ehemaliges Männergefängnis, ein verlassenes Militär-Camp oder ein zum Abriss bestimmtes Schwesternwohnheim. In ausführlichen Recherchen beschäftigt sich der 1956 in Stuttgart geborene Künstler mit der gesellschaftspolitischen Aufladung und Nutzung der Räume und schreibt sich mithilfe der traditionellen Technik des Holz- und Linolschnitts buchstäblich in sie ein. In monatelanger Arbeit wird der Fußbodenbelag zu einem gigantischen Druckstock. So entsteht ein Dialog zwischen dem Material mit seiner ureigenen Geschichte und den Themen und Motiven des Künstlers, die sie kritisch reflektieren und einen Diskurs anregen. Viele von Thomas Kilppers Projekten beschäftigen sich explizit mit deutscher Geschichte, dem Widerstand gegen Unrechtssysteme und Unterdrückung, die häufig auch auf einen europäischen und globalen Kontext ausgeweitet werden. 2009 gelang es dem Künstler, mehrere Monate im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit der DDR in Berlin zu arbeiten und dort einen achthundert Quadratmeter großen Linolschnitt zum Thema staatliche Überwachung und Repression zu realisieren (State of Control). 2011 schuf er als einer der Künstler des dänischen Pavillons der Biennale von Venedig eine begehbare Holzkonstruktion mit dreiunddreißig in den Boden eingeschnitzten Politikerporträts sowie einem Megafon und nannte es Pavillon für revolutionäre Redefreiheit. Darauf aufbauend installierte Thomas Kilpper 2013 mit seinem Projekt MEGAfon eine Art „Speaker’s Corner“ aus Autoschrott auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Berlin und forderte Passanten und…

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