Magazin: Museen & Institutionen , 2002

Martin Seidel

Neues Führungssystem im Kölner Wallraf-Richartz Museum – Fondation Corboud

Das protestantisch-forcierte Misstrauen gegenüber der Kunst führt nicht selten zu deren exorzistischer Überdidaktisierung. Aber nicht zuletzt zwang der wirtschaftliche Druck der letzten Jahre, über die „digitale Aufrüstung“ der Museen nachzudenken. Zu welchen Sperenzien eine eher imageorientierte als kritische Medienbegeisterung führen kann, liefert das Kölner Wallraf-Richartz Museum – Fondation Corboud ein schönes Beispiel. Das neue EDV-gestützte Führungssystem rühmt sich, seine elektronische Bild-Wort-Informationen entgegen dem Mainstream nicht in separaten Räumlichkeiten, sondern innerhalb der Sammlungsräume anzubieten. Auf den drei Etagen der ständigen Sammlung sind vierundzwanzig Informationsbänke aufgestellt. Über einen in die Sitzgelegenheit eingelassenen Screen und über einen anzudockenden Kopfhörer (Nutzungsgebühr 5 Mark) bieten sie audiovisuelle Informationen zu drei bis fünf der im jeweiligen Raum ausgestellten Werke oder auch einige übergreifende Exkurse zu Techniken, Stilen, Epochen und Gattungen.

Das System ist über vier Tasten zu bedienen. Bei Laufzeiten zwischen drei und sechzehn Minuten hat man die Wahl zwischen „kurz und bündig“, das sind sehr populär gehaltene Kurzfassungen, zwischen „Werkerläuterung“ und der vertiefenden Rubrik „nachgefragt“. Alle sechs Monate werden die Bänke verschoben, und das Programm wechselt.

So weit so gut. Doch die Widrigkeiten sind eklatant. Zunächst stellt sich bezüglich des Kopfhörers ganz pragmatisch die Frage: Wie sieht es aus mit der Hygiene? Und wohin mit Dauerwelle und Perücke? Der „Knochen“ herkömmlicher Audio-Guides hat demgegenüber enorme Vorteile. Desweiteren kann man weder die Lautstärke regulieren noch selbstbestimmt Pausen einlegen oder den Vor- und Rücklauf regeln.

Doch das sind Kleinigkeiten. Hochgradig nervig und auch absurd dagegen ist das sich immer wieder stellende…

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von Martin Seidel

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