Essay , 2007

Martin Seidel

Noch immer ein Grenzfall

Der Erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys

Um Joseph Beuys ist es still geworden. Auch die Feierlichkeiten zum 20. Todestag im Januar 2006 hätten üppiger ausfallen können. Es gab ein paar wohlwollende Ausstellungen. Das Feuilleton betonte mit nicht übermäßig großer Emphase seine Wichtigkeit und bedauerte, dass der einstige Vorzeige-Rebell für das aktuelle Kunstgeschehen keine besonders große Rolle spielt. Ist Beuys nur noch etwas für Nostalgiker? Sind sein systemsprengender, einst zwischen kategorischer Ablehnung, grenzenloser Bewunderung und kritischer Würdigung hin und her gestoßener „Erweiterter Kunstbegriff“ und seine „Soziale Plastik“ ein Fall für die Mottenkiste? Und seine Fett- und Filz-Objekte selbst fürs Museum noch zu ranzig?

Die Kunstwelt wird mit dem nur sehr bedingt museumsfähigen Phänomen Beuys und seinen zwischen Werk und Dokument anzusiedelnden Objekten noch immer nicht leicht fertig, scheint sich darum aber nicht sehr zu kümmern, denn die Zeiten haben sich geändert.

Anlass der Kunst

Was hat Beuys der Kunst nicht zugetraut? Er entwickelte seinen in die Lebensverhältnisse eingreifenden idealistischen Kunstbegriff angesichts einer Totalkrise, in die die Menschheit sich hineinkatapultiert hatte: Ökologie, Sozial- und Wirtschaftswesen, die atomare Bedrohung und die Blockkonfrontation des westlichen Privatkapitalismus und des östlichen Staatskapitalismus waren Gegenstand eines erweiterten Kunstbegriffs, der auf auf Rudolf Steiners Modell des „dreigegliederten sozialen Organismus“ basierte. Beuys wandte sich damit gegen den überkommenen „reduzierten Kunstbegriff der kapitalistischen Systeme“, der für ihn etwas Formales und für Privilegierte geblieben war, das jeder Verantwortung und Ethik entbehrte. Beuys gab mit dem „erweiterten Kunstbegriff“ der Kunst einen neuen Anlass zwischen individuell-anthropologischer und gesellschaftlicher Notwendigkeit – zumindest wollte…

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von Martin Seidel

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