Magazin: Bücher · von Rainer Metzger · S. 404
Magazin: Bücher , 2004

Rainer Metzger

Relektüren

Folge 12

Vor kurzem hat Hans Ulrich Gumbrecht ein Buch über 1926 herausgebracht. Dabei müsste man eigentlich eines über 1962 schreiben, eines, das durch die dumme Anagrammatik des Datums jetzt allerdings nur noch als Parodie erschiene. Dieses Buch über 1962 würde davon handeln, wie in eben diesem Jahr auf die erstaunlichste und vielfältigste Weise der Modernismus, als Epochensignatur natürlich, nicht als nostalgische Haltung, zu Ende ging. 1962 war das Jahr der ersten Beatles-Single und von Enzensbergers Diktum über die „Bewußtseinsindustrie“. Es war das Jahr, in dem der letzte Modernist, Yves Klein, starb und der größte Modernist, Clement Greenberg, massive Probleme mit seiner Theorie bekam, weil Frank Stellas Shaped Canvases gleichzeitig so wunderbar (als Flächen) und so überhaupt nicht (als Reliefs) hineinpassten. Es war das Jahr, in dem das Gründungsbuch der Ökologiebewegung, Rachel Carsons „The Silent Spring“, erschien und ebenso Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“, das die langsame Erkenntnisbewegung durch den sprunghaften Paradigmenwechsel ersetzen ließ. Es war das Jahr von George Kublers „The Shape of Time“ (siehe die Relektüre im KUNSTFORUM Bd. 160). Es war das Jahr des ersten postmodernen Wildwestfilms, John Fords „The Man Who Shot Liberty Valence“.

Und es war das Jahr, in dem Jürgen Habermas seine Habilitationsschrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ publizierte. Habermas führt darin seinerseits einen Diskurs der Moderne, weniger philosophisch als soziologisch zwar, aber durchaus im Geist einer Revision. Jene politischen Modelle, die das orthodoxe 19. und 20. Jahrhundert geprägt hatten, erfahren eine gründliche Distanzierung. Seismograf der Veränderungen ist dabei, und gerade das…

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