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Titel: Kunst und Sport · von Wolfgang Welsch · S. 64 - 81
Titel: Kunst und Sport , 2004

WOLFGANG WELSCH
SPORT: ÄSTHETISCH BETRACHTET – UND SOGAR ALS KUNST?

EINLEITENDE BEMERKUNGEN

1. NUR ÄSTHETISCHER ODER AUCH KUNSTCHARAKTER DES ZEITGENÖSSISCHEN SPORTS?

Ohne Zweifel ist der heutige Sport stark durch ästhetische Aspekte gekennzeichnet – er ist geradezu ein Paradebeispiel der zeitgenössischen Ästhetisierung.1 Aber könnte man nicht sogar weiter gehen und Sport nicht nur mit Ästhetik in Verbindung bringen, sondern als Kunst betrachten?

Zwar scheint es intuitiv klar zu sein, dass Sport nicht Kunst ist. Zwar würde jedermann zustimmen, dass Sport viel mit Ästhetik zu tun hat, aber kaum jemand – wenn überhaupt einer – würde sagen, dass Sport Kunst sei. Aber wenn man die Gründe dieser Ausschließung des Sports aus der Sphäre der Kunst durchdenkt, gerät man in erstaunliche Schwierigkeiten. Die üblichen Argumente erweisen sich allesamt als ungenügend; sie lassen sich Schritt für Schritt durch bessere Gegenargumente überbieten. Das soll im Folgenden gezeigt werden.

Meine Vermutung geht insbesondere dahin, dass die moderne Veränderung des Kunstbegriffs die Möglichkeit eröffnet hat, Sport als Kunst anzusehen. Insofern gelten meine Überlegungen nicht nur dem Sport, sondern – untergründig und vielleicht vor allem – dem modernen Kunstverständnis.

2. PHÄNOMEN- UND BEGRIFFS-VERÄNDERUNGEN – ZUR MÖGLICHKEIT UND ZULÄSSIGKEIT NEUARTIGER KATEGORISIERUNGEN

Wenn Struktur und Begriff von Sport, Ästhetik und Kunst unveränderlich wären, könnte man Sport allenfalls irrtümlicherweise als Kunst ansehen. Aber dann könnte Sport noch nicht einmal als ästhetisch klassifiziert werden. Denn traditionell galt der Sport nicht als ästhetisch, sondern wurde als eine ethisch relevante Betätigung klassifiziert (Bildung von Charakter und Gemeinschaftsgeist), das Ethische aber wurde als Gegensatz zum Ästhetischen angesehen. Somit zeigt schon die neuere Verbindung von Sport und Ästhetik, dass wir es hier nicht mit unveränderlichen Begriffen zu tun haben. Dann ist aber auch eine weitere Verschiebung des Sports hin zum Künstlerischen im Prinzip möglich. Sie würde allerdings, gegenüber dem traditionellen Bild, einen Phänomenwandel des Sports und einen Begriffswandel der Kunst erfordern.

Im Lauf der Geschichte ist es des Öfteren vorgekommen, dass etwas, was ursprünglich nicht als Kunst klassifiziert worden war, dann doch als Kunst betrachtet wurde und inzwischen ganz natürlich als Kunst gilt. Artefakte – abendländischer oder anderer Kulturen -, die für rituelle Zwecke angefertigt worden waren, wurden später zu Kunst erklärt. Wenn man heute eine Auktion indischer Kunst bei Sotheby’s besucht, so war keines der dortigen Objekte ursprünglich als Kunstgegenstand gedacht; dennoch werden sie heutzutage ganz selbstverständlich als solche angesehen. Das Konzept der Kunst ist flexibel – und gefräßig.

I. VERSCHIEBUNG DES BEZUGSFELDS DES SPORTS: VON ETHIK ZU ÄSTHETIK

1. ETHIK ALS DER TRADITIONELLE RAHMEN DES SPORTS

Ich will mit einer Betrachtung der zeitgenössischen Verschiebung des Bezugsfelds des Sports von der Ethik zur Ästhetik beginnen. Früher wurde der Sport dafür gepriesen, dass er die Herrschaft des Geistes und Willens über den Körper realisiert. Der Sport galt als eine Art profaner Triumph der metaphysischen Konzeption. Der Mensch sollte geistgeleitet sein; zu diesem Zweck hatte er die körperlichen Schwächen und Begierden im Zaum zu halten – dazu diente der Sport. Durch sportliche Disziplinierung sollte der Körper fähig werden, dem Geist und dessen Zielen zu dienen. In diesem Sinne pries beispielsweise Hegel die Olympischen Spiele Griechenlands als Demonstrationen der Freiheit: jene athletischen Übungen zeigten, dass der Mensch „den Körper […] zum Organ des Geistes umgebildet“ habe.2

In der Moderne hat man den Sport ob seines Nutzens für Selbstkontrolle oder erhöhte Produktivität gelobt. Die ideologische Formel dafür lautete „Sport baut Charakter“. Eine Untersuchung von 1971 fand jedoch keinerlei Beweis für diesen Zusammenhang und mündete in die provokatorische Empfehlung „Wenn Sie Ihren Charakter stärken wollen, versuchen Sie etwas anderes“.3 Heutzutage, angesichts von Sportlern wie Dennis Rodman („Bad as I Wanna Be“4), kann niemand mehr an einen Wesenszusammenhang von Sport und Ethik glauben.

2. VERSCHIEBUNG ZUR ÄSTHETIK

Statt dessen ist der Sport eine Liaison mit der Ästhetik eingegangen. Man kann das schon am neuen Stil der Sportbekleidung ablesen (etliche Sportler sind inzwischen zu Modedesignern geworden), ferner ist die Aufmerksamkeit auf ästhetische Aspekte des Wettbewerbs stark gestiegen (Gesichtspunkte dramatischer Regie sind neuerdings oft für Regeländerungen ausschlaggebend), schließlich ist das ästhetische Vergnügen der Zuschauer immer wichtiger geworden – Sport ist zu einer Show für die Amüsierbedürfnisse der Unterhaltungsgesellschaft geworden.

a. Von der Unterwerfung zur Zelebrierung des Körpers

Am aufschlussreichsten ist die neue Beziehung zum Körper. Früher, als der Geist der bestimmende Meister und der Körper der gehorsame Sklave sein sollte, pries man den Triumph des eisernen Willens über den Körper. Heute würde sich niemand mehr dieser Rhetorik bedienen. Der Sport hat sich, ganz im Gegenteil, zu einer Zelebrierung des Körpers gewandelt. Nicht nur wir Zuschauer bewundern die perfekten Körper der Sportler und Sportlerinnen, sondern diese selbst tendieren dazu, ihre Körper zur Schau zu stellen. Haben wir nach Linford Christie’s Siegen nicht immer auf den Moment gewartet, da er die Träger seines Sprintanzugs herunterzog und seine wundervolle Schulter-, Brust- und Bauchmuskulatur darbot? Das war das eigentliche i-Tüpfelchen auf seinen Sieg. Und wer genießt die Rückhand der Williams-Schwestern wirklich mehr als den Anblick ihrer Körper?

Ästhetische Perfektion ist für den sportlichen Erfolg nicht etwas Äußerliches, sondern hat innerlich mit ihm zu tun. Denn für sportlichen Erfolg ist die perfekte körperliche Leistung entscheidend. Ihr gilt daher unsere ästhetische Wertschätzung in Sachen Sport in erster Linie. Wir bewundern etwa die Gewandtheit eines Hochspringers beim Überqueren der Latte oder die Dynamik eines Läufers beim Start – und dies ist der Grund, warum wir, während des Wettkampfs wie danach, mit Freude auf diese Körper blicken, sei es um ihr Leistungspotential besser zu verstehen, oder um überrascht zu sein, wie wenig Anzeichen von Anstrengung ein Läufer nach dem Zieldurchlauf zu erkennen gibt. In diesem Sinne richten wir als Zuschauer zu Recht unsere Aufmerksamkeit auf die Körper, so wie die Sportler recht daran tun, nach der Perfektion ihrer Körper zu streben und diese während des Wettkampfs wie danach zur Schau zu stellen. Das Ästhetische und das Funktionale gehen beim Sport Hand in Hand.

b. Parallelen zum ursprünglichen Anliegen der Ästhetik

Die neue Aufmerksamkeit gegenüber dem Körper und die Verschiebung des Sports vom Ethischen zum Ästhetischen scheint mir auch für die professionelle ästhetische Reflexion relevant zu sein. Denn ursprünglich, als die Ästhetik von Baumgarten als eigenständige Disziplin etabliert wurde, strebte sie nach einer Emanzipation des Körpers und der Sinne. Gewiss: diese Absicht war bei Baumgarten mit einer epistemologischen Perspektive verbunden: die Ästhetik sollte unsere sinnliche Erkenntnisfähigkeit verbessern. Aber unter diesem epistemologischen Deckmantel zielte die Ästhetik darauf, den Körper und die Sinne von alten metaphysischen Zwängen zu befreien. Baumgarten selbst wurde sich der weit reichenden Konsequenzen seines Vorhabens zunehmend bewusst. Er zielte auf einen kulturellen Umbruch: Fortan sollten der Körper und die Sinne genauso wichtig sein wie der Intellekt und die Vernunft.

Aber damals war die Zeit dafür noch nicht reif. Bei der anschließenden Transformation der Ästhetik in eine Philosophie der Kunst ging der kritische Anfangsimpuls der Ästhetik verloren; sie fiel wieder ins metaphysische Schema zurück und erklärte das Sinnliche zu einem Organ des Geistes. Die Ästhetik wurde zu einem kulturellen Disziplinierungsunternehmen, das sich, anstatt die Rechte des Sinnlichen zur Geltung zu bringen, gegen das Sinnliche wandte und weithin den „Krieg gegen die Materie“ zu ihrer Maxime machte.5

So nimmt die heutige Betonung des Körpers im Sport Intentionen des ursprünglichen Projekts der Ästhetik auf. Erneut wird ein Versuch zur Emanzipierung des Körpers unternommen. Der gegenwärtige Sport ist in Sachen Körper ein eher emanzipatorisches als disziplinierendes Unternehmen. Foucaults Kritik der Disziplinierungsstrategien der Moderne mochte auf den modernen Sport zutreffen – auf den postmodernen würde sie es nicht mehr.

c. Das erotische Element

Das gegenwärtige Hervortreten erotischer Elemente im Sport – im Gegensatz zu ihrer traditionellen Unterdrückung – ist ein weiterer einschlägiger Punkt. Im älteren, disziplinierenden Modell war Sport mit Askese verbunden.6 Da der Sport dazu dienen sollte, das körperliche Begehren unter Kontrolle zu halten, mussten auch seine erotischen Konnotationen gleichsam unter Verschluss gehalten werden. Heute hingegen gestattet man ihnen, zum Vorschein zu kommen. Der zeitgenössische Sport ist eine der Sphären, wo man dem inneren Zusammenhang von Ästhetik und Erotik gesellschaftlich zutage zu treten erlaubt. Zusammengefasst: Der zeitgenössische Sport hat sich also in mehrfacher Hinsicht – von seiner ästhetischen Erscheinung und Wertschätzung bis hin zu seiner Betonung des Körpers bei Wettkampf, Selbstpräsentation und Training – auf eine ästhetische Akzentuierung hinbewegt.7

II. MODERNE TRANSFORMATIONEN DES KUNSTBEGRIFFS – UND IHRE FOLGEN FÜR DIE MÖGLICHKEIT, SPORT ALS KUNST ANZUSEHEN

Aber diese Verschiebung zur Ästhetik hin bildet nur den unkontroversen Teil meiner Ausführungen. Strittig hingegen ist, ob der Sport aus diesen oder anderen Gründen auch als Kunst angesehen werden könne.8 Ich wende mich nun der Diskussion dieser Frage zu, um für einen möglichen Kunststatus des Sports zu argumentieren. Die Rechtfertigung wie Plausibilität dieser These hängt, wie gesagt, vor allem davon ab, was unter Kunst verstanden wird. Mein Hauptargument wird sein, dass das Verständnis der Kunst im zwanzigsten Jahrhundert Wandlungsprozesse durchlaufen hat, die gute Chancen eröffnen, Sport als Kunst zu betrachten. Ich werde vier Aspekte nennen. Anschließend, im III. Abschnitt, werde ich zu diskutieren haben, wie der zeitgenössische Sport diese Möglichkeiten tatsächlich nutzt.

1. KUNST IST NICHT MEHR DAS DEFINIENS, SONDERN NUR NOCH EINE BESONDERE SPHÄRE DES ÄSTHETISCHEN

Als erstes ist eine Umkehrung der Beziehung zwischen dem Künstlerischen und dem Ästhetischen zu beobachten. Früher sollte sich aus der Kunst die grundlegende Definition des Ästhetischen ergeben. Zwar sah man, dass sich der Bereich des Ästhetischen nicht in der Kunst erschöpft, aber der Begriff der Kunst sollte doch den Grundbegriff der Ästhetik darstellen. Neuerdings hat sich das umgekehrt. Jetzt wird die Kunst nur noch als Teilgebiet der Ästhetik betrachtet – sicherlich immer noch als ein besonders wichtiges, aber eben doch nur als ein Teilgebiet. Die Kunst hat ihren privilegierten Rang für die Definition des Ästhetischen verloren. Dieser ist vielmehr an Wahrnehmung im allgemeinen, an ,aisthesis‘ übergegangen (was ja auch der ursprünglichen Bezeichnung der Disziplin als ,Ästhetik‘ entspricht).9 Nicht mehr wird die Definition des Ästhetischen von der Kunst her genommen, sondern umgekehrt erfolgt die Definition der Kunst im Rahmen des Ästhetischen – wobei Kunst beispielsweise als besondere Intensivierung des Ästhetischen verstanden werden kann.

Dieser Wandel hat offensichtlich zur Folge, dass nunmehr alles, was in einem betonten Sinne ästhetisch ist, bessere Aussichten denn zuvor hat, als Kunst betrachtet zu werden. Aus diesem Grund könnte nun auch der Sport – als neue und augenfällige Instanz des Ästhetischen – die Chance haben, mit dem Prädikat ,Kunst‘ belegt zu werden.

2. DIE MODERNE KUNST STREBT NACH DURCHDRINGUNGEN MIT DEM LEBEN

Viele Spielarten der modernen Kunst streben danach, die Sphäre der Kunst zu überschreiten und Verbindungen mit dem Leben einzugehen. Die Pole dieser Tendenz sind einerseits durch das Bemühen bezeichnet, Elemente des Alltags in Kunstwerke einzubeziehen (Collage, Montage), andererseits durch den Versuch, das Kunstwerk ins Leben zu überführen (man denke an das Living Theatre oder an die These, dass gute Kunst und gutes Design unmerklich und unsichtbar sein sollten).10

Bedauerlicherweise ist dieses Streben der modernen Kunst nach Verbindungen mit der Lebenswelt oft blankem Missverständnis ausgesetzt. Ein Beispiel: Seitdem Joseph Beuys während und nach der documenta VII siebentausend Eichen in Kassel und Umgebung gepflanzt hatte, unternehmen seine ergebenen Anhänger inzwischen alles, um jede einzelne dieser Eichen zu erhalten; sie erstellen extensive Dokumentationen über deren Erhaltungszustand und damit über das, was auch sie für ein höchst innovatives Kunstwerk halten – aber ganz nach Art eines traditionellen behandeln. Was der Transformation von Kunst in Leben und Natur dienen sollte, wird in einer völligen Verkehrung von Beuys‘ Absicht ins Ghetto der Kunst zurückgeholt.

Verständlicherweise ist es vor allem der Kunstmarkt, der weiterhin an einem autonomistischen Kunstbegriff interessiert ist – man braucht diesen, um an der Eindeutigkeit von Kunstwerken festhalten und sie als vermarktbare Produkte behandeln zu können. Aber diese Kunstmarktdefinition von Kunst missachtet gerade ureigenste Impulse der modernen Kunst. Leider folgen auch viele Theoretiker eher den Ansprüchen der Kunst als den Anforderungen des Marktes; sie bemühen sich noch immer, einen klaren und eindeutigen Begriff von Kunst aufzustellen – dessen vornehmlicher Sinn heute doch zu sein scheint, die Wünsche des Marktes zu bedienen.

Wo immer die Kunstwelt-Definition der Kunst gelten soll, haben natürlich – wunschgemäß – nur die durch den Kunstmarkt vertriebenen Artikel eine Chance, als Kunst zu gelten. Unter dieser Voraussetzung können klassifikatorische Neuerungen im Verhältnis von Kunst und Sport also nicht vorkommen. Wird hingegen der Impuls der Kunst zur Transformation ins Leben – und dies ist einer der stärksten Impulse der modernen Kunst -, ernst genommen, so erfahren ästhetische Phänomene jenseits der Kunst durch derlei Initiativen der modernen Kunst eine Aufwertung. Die moderne Kunst hat gleichsam die Tore zu solchen Phänomenen hin geöffnet. Das ist eine zweite Perspektive, die erlauben kann, Sport als neuen Kandidaten für das Prädikat ,Kunst‘ anzusehen.

3. TENDENZ ZUR AUFLÖSUNG DER GRENZEN ZWISCHEN DEN KUNSTGATTUNGEN

Ein dritter Aspekt ist die Tendenz der modernen Künste, ineinander zu verschmelzen. Adorno hat dies als Verfransung der Künste beschrieben: „In der jüngsten Entwicklung fließen die Grenzen zwischen den Kunstgattungen in einander oder, genauer: ihre Demarkationslinien verfransen sich.“11 „Es ist, als knabberten die Kunstgattungen, indem sie ihre fest umrissene Gestalt negieren, am Begriff der Kunst selbst.“12 Adorno interpretiert diese Verfransung der Künste als eine Folge des Versuchs der Kunst, ihrer „ideologischen Befangenheit“ zu entkommen13, ihr „Kunsthaftes“ – eben die Autonomie – abzuwerfen.14 Adorno sah in diesem Bemühen „das Lebenselement aller eigentlich modernen Kunst“.15 Diese Tendenz, die Grenzen der Kunst – zwischen den Gattungen derselben wie zwischen Kunst und Alltag – zu neutralisieren, ist ein weiterer Grund, warum jetzt eine Zurechnung von Nicht-Kunst zum Bereich der Kunst im Gefolge von deren eigenen Initiativen prinzipiell möglich wird.

4. VON HIGH ZU LOW – KUNST UND ÄSTHETIK WENDEN SICH DEM POPULÄREN ZU

Die wachsende Unsicherheit hinsichtlich der Grenzen der Kunst führt zu einem vierten Punkt: der Neubewertung der populären Kunst. Die Distinktion zwischen High und Low wird immer stärker zurückgewiesen – von der Kunst ebenso wie von der ästhetischen Reflexion. Pop Art war das entscheidende Ereignis in der Sphäre der Künste, und hinsichtlich der Ästhetik möchte ich auf Richard Shustermans „Verteidigung der populären Kunst“ hinweisen, wo er zeigt, „daß populäre Kunstwerke tatsächlich genau die ästhetischen Werte besitzen, die ihre Kritiker ausschließlich der hohen Kunst vorbehalten“.16 Diese Öffnung des Begriffs der Kunst in Richtung der populären Kunst eröffnet eine weitere Möglichkeit, den Sport – dieses höchst populäre ästhetische Phänomen – in die Reihe der Künste aufzunehmen.

Ich habe in diesem II. Abschnitt vier Gründe angeführt, warum die Entwicklung des modernen Kunstverständnisses für den Sport Chancen eröffnet, seinerseits als Kunst angesehen zu werden. Wenn für etwas, um als Kunst zu zählen, der ästhetische Charakter wichtiger ist als ein spezifisch künstlerischer Charakter; wenn die Kunst selbst nach der Verbindung mit Leben und Alltag strebt; wenn die Kunst zur Verwischung ihrer Grenzen neigt; wenn schließlich Populäres zunehmend als Kunst anerkannt werden kann – dann wird der Sport zu einem sehr aussichtsreichen Kandidaten für die Einschätzung als Kunst.

III. SPORT ALS KUNST

Nunmehr will ich mich der entscheidenden Frage zuwenden: Macht der Sport sich die aufgezeigten Möglichkeiten tatsächlich zunutze? Erfüllt er zumindest einige – und vielleicht ausreichend viele – Kriterien des neueren Kunstverständnisses, um als Kunst gelten zu können? Zunächst will ich einige der Standardeinwände gegen einen potentiellen Kunststatus des Sports durchgehen – um sie zu prüfen und zu widerlegen.

1. FEHLT DEM SPORT, WEIL ES DABEI UM DEN SIEG GEHT, DIE FÜR KUNST TYPISCHE SELBSTZWECKLICHKEIT?

Ein Haupteinwand besagt, der zeitgenössische Sport könne, auch wenn die vier erwähnten Verschiebungen für seinen möglichen Kunststatus sprechen mögen, dennoch keine Form von Kunst sein, weil er zwei andere Elementarbedingungen von Kunst nicht erfülle: symbolischen Status und Selbstzwecklichkeit. Diesem Einwand liegt die Einschätzung zugrunde, Sport sei eine profane Aktivität, in der es im Grunde nur um den Sieg geht. Daher fehle ihm sowohl symbolische Relevanz wie die Struktur der Selbstzwecklichkeit. Aber diese scheinbar plausible Auffassung beruht auf einem Bündel von Schiefheiten.

a. Der symbolische Status von Sport wie Kunst

Der Sport ist vom normalen Leben eben so weit entfernt wie die Kunst. Wenn Othello Desdemona erdrosselt, ist dies ein symbolischer Akt – die Dargestellte stirbt, die Schauspielerin aber überlebt. In ähnlicher Weise bezieht sich der Sport allenfalls symbolisch auf das Leben. Zwar entstanden viele Sportarten aus aggressiven Handlungsweisen im gewöhnlichen Leben, aber einmal in sportliche Aktivität transformiert, bildet dies nur noch ihren symbolischen Hintergrund. Im Sport wird der Kampf „auf die Ebene der Imagination gehoben“.17

Das ist auch der Grund, warum Sport, aus dem Blickwinkel alltäglicher Notwendigkeiten betrachtet, oft geradezu absurd erscheint (und in ironischer Absicht so bewertet wird): Warum schinden diese Marathonläufer sich nur so? Warum kämpfen die Sportschützen so verbissen, wenn sie doch nur nutzlose Tontauben erlegen und nicht wirkliche Tauben, die man anschließend braten könnte? Ist es nicht idiotisch, andauernd mit Hochgeschwindigkeit im Kreis herumzufahren (wie Niki Lauda sagte, als er seine Formel 1-Karriere beendete)?

Auch der nächste Punkt macht den Unterschied zwischen Sport bzw. Kunst einerseits und Leben andererseits evident. Wenn Othello im normalen Leben, nachdem er die Bühne verlassen hat, jemanden erwürgen würde, käme er dafür ins Gefängnis; ebenso würde ein Linebacker, der sich außerhalb des Football-fields plötzlich mit seinem ganzen Gewicht auf entgegenkommende Passanten würfe, arrestiert. Sport und Theater finden an ausgegrenzten Orten – getrennt vom Alltagsleben – statt. Was die Bühne fürs Theater, sind das Stadion, der Boxring oder die Rennstrecke für den Sport. Kunst wie Sport sind, mit dem Leben verglichen, ihrer Form nach symbolische Aktivitäten.

b. Das Werk des Sports: die Leistung im Wettkampf

Das bislang Gesagte scheint jedoch einen anderen Unterschied noch unberührt zu lassen: Im Sport geht es um den Sieg, in der Kunst hingegen darum, ein Kunstwerk zu schaffen. Seien wir jedoch vorsichtig bei der Rede von ,Werk‘. Gewiss bringt die Malerei Werke hervor, die nach dem Akt des Malens eine vom Malakt unabhängige Existenz haben. Aber schon bei Theater, Musik oder Tanz – allgemein bei den darstellenden Künsten – verhält es sich anders: mit der Aufführung ist auch das Werk vorbei. Ebenso im Sport: nach dem Wettkampf bleibt vielleicht Müll zurück, aber kein Kunstwerk.

Gleichwohl gehört zu den darstellenden Künsten ebenso wie zum Sport ein Werk: die Aufführung bzw. der Wettkampf selbst. Und die Tatsache, dass im Fall der Malerei ein Werk herauskommt, das nach dem künstlerischen Akt als Objekt weiter existiert, könnte geradezu den Kunststatus der Malerei als zweifelhaft erscheinen lassen, denn darin unterscheidet sich die Malerei ja nicht vom Handwerk, anders gesagt: Ihrer Hervorbringungsstruktur nach scheint ihr das höhere Niveau der Kunst zu fehlen.18 Auf dieses erheben sich aber offensichtlich die darstellenden Künste und der Sport. Das rückt diese geradezu in eine Nähe zu denjenigen Aktivitäten, die traditionell als unsere höchsten galten, weil ihr ,Werk‘ strikt dem Vollzug innewohnt und nicht erst am Ende erreicht wird und dann als Produkt und Resultat, als werkhafte Entität übrig bleibt. Aristoteles hat den Unterschied werkproduzierender und selbstzwecklicher Vollzüge paradigmatisch herausgearbeitet. Handlungen wie die des Sehens, Überlegens und Denkens haben ihr Ziel in sich, nicht außerhalb ihrer, sie haben ihre Erfüllung in sich.19 Was sie auszeichnet, ist gerade die Immanenz ihres Werkes – das nichts anderes als der Vollzug selbst ist – in der Handlung. Man hat es hier mit exemplarisch selbstzwecklichen Vollzügen zu tun.

Das trifft, ebenso wie auf die darstellenden Künste, zu einem beträchtlichen Teil auch auf den Sport zu. Die sportliche Leistung hat ihr Ziel in erster Linie in sich selbst. Streng genommen, dient sie nicht einem äußeren Zweck.20 Nur ist es natürlich so, dass alle selbstzwecklichen Aktivitäten auch merkliche Außenwirkungen haben können: Denken kann einen zu einem einsamen Menschen werden lassen; musikalische Virtuosität kann einem Berühmtheit verleihen; und sportliche Höchstleistung kann einen reich machen. Aber es wäre falsch, diese bloß nachfolgenden Wirkungen zu den eigentlichen zu erklären und darüber die innere Selbstzwecklichkeit der Vollzüge zu übersehen, durch deren Exzellenz jene nachfolgenden Wirkungen erst eintreten.

Von daher lässt sich der Einwand widerlegen, dass es beim Sport, im Gegensatz zur Kunst, bloß um das Gewinnen gehe. Wenn „Gewinnen“ bedeuten soll, dass man die betreffende Aktivität so gut wie möglich zu vollziehen versucht, so ist dies all den genannten Phänomenen gemeinsam – den sportlichen ebenso wie den künstlerischen. Wenn mit „Gewinnen“ unter der Hand „Geld verdienen“ gemeint sein soll, so kann dies wiederum auf beide – auf Kunst wie Sport – zutreffen. Das Entscheidende aber ist, dass das Ziel des Gewinnens im Sport so wenig wie in der Kunst direkt, sondern allein durch die besondere künstlerische bzw. sportliche Leistung erreicht werden kann. Es ist just die Exzellenz der sportlichen Wettkampfleistung, die zum Sieg führt. So ist das primäre Werk des Sportlers in jedem Fall diese Leistung – und sekundär dann möglicherweise der Sieg.21 Darin sind sich Kunst und Sport gleich.22

Interessanterweise stellen heute viele Athleten den Wert der Leistung höher als den des Sieges. Selbst wenn sie nicht gewonnen haben, zeigen sie sich über ihre ausgezeichnete Leistung erfreut. Sie haben ihr Bestes gegeben, und dies befriedigt sie, auch wenn es zum Gewinnen nicht reichte. Im Sport geht es mehr um die bestmögliche Leistung als um den Sieg. Manche Sportler gehen sogar noch weiter: Für sie bringt die reine Leistung – die im Training, außerhalb von Wettkampf und Sieg – die größte Freude.

2. IST DIE SPORTLICHE LEISTUNG ZU SEHR VON REGELN BESTIMMT, UM ALS KUNST GELTEN ZU KÖNNEN?

Ein weiterer Einwand gegen einen möglichen Kunststatus des Sports lautet: Sport ist nicht kreativ. Die sportliche Leistung ist an einen festen Rahmen von Regeln gebunden, die es einfach zu befolgen gilt. Kunst hingegen problematisiert und überschreitet vorgegebene Regeln.

Das ist wahr. Die Kunst – und die moderne Kunst zumal – folgt nicht einem feststehenden Kanon, sondern hinterfragt und verändert den Status der Kunst und entwickelt neue Paradigmen, von denen jedes ein spezifisches Set von Regeln für die Hervorbringung und den Sinn der Kunst sowie die Produktion und Rezeption von Kunstwerken vorschlagen kann. Diese Nicht-Regelgeleitetheit der Kunst kam schon in der traditionellen Formel „Je ne sais quoi“, und sie kommt vollends in der zeitgenössischen Betonung der reflektierenden Urteilskraft zum Ausdruck. Im Gegensatz dazu setzt der Sport fest etablierte Regeln voraus. Sobald Zweideutigkeiten auftreten (wenn es zum Beispiel einem Hammerwerfer auf einmal einfällt, Knöchelgewichte zu tragen), wird das Regelwerk angepasst. Kunst schafft Regeln, Sport befolgt Regeln.

a. Sport erschöpft sich nicht in Regelerfüllung

Aber heißt dies, dass die sportliche Leistung überhaupt kein kunstähnliches Potential enthielte? Ganz und gar nicht. Denn die Leistung im Wettkampf ist durch die betreffenden Regeln zwar normiert, aber nicht in jeder Hinsicht durch sie bestimmt. Große Wettkämpfe sind deshalb denkwürdig, weil sich bei ihnen etwas ereignet, was über die bloße Erfüllung der Regeln hinausgeht. Wäre Regelbefolgung schon alles, so müssten im übrigen ja alle Wettkämpfe mehr oder minder gleich sein. Im wirklichen Wettkampf aber kommt etwas weiteres hinzu: das Geschehen und Ereignis, Drama und Kontingenz, Glück oder Pech, Erfolg und Misserfolg, Spannung und Überraschung. Diese Elemente erst machen das sportliche Ereignis zu einem besonderen und möglicherweise einmaligen.

b. Faszination durch das Ereignis

Betrachten wir die Parallele zu den darstellenden Künsten. Während andere Künste wie Malerei oder Dichtkunst in der Tat eher Regeln schaffen als befolgen, steht es bei Theater oder Musik anders. Hier sind die Aufführenden an die vorab festgelegte Struktur des Dramas oder Musikstücks gebunden. Dennoch ist, was ihre Leistung bemerkenswert macht, nicht ihre regelgeleitete Reproduktion des Skripts oder der Komposition, sondern eine zusätzliche Leistung, die durch ihre persönlichen Fertigkeiten, ihre individuelle Interpretation und ihre Offenheit gegenüber dem Ereignis, das sie schaffen, charakterisiert ist. All dies ist nicht bis ins einzelne durch das vorliegende Skript oder die Komposition determiniert. Und es sind gerade diese zusätzlichen Elemente, die wir am meisten schätzen und die uns am meisten im Gedächtnis bleiben. So steht es aber nicht nur bei den darstellenden Künsten, sondern ebenso beim Sport.23

Wir schätzen auch dort, was über die bloße Erfüllung von Regeln hinausgeht. Oder besser gesagt: Wir schätzen etwas, was zusätzlich eintritt, während die Regeln befolgt werden; die nicht vorhersehbare Dynamik des Ereignisses. Die Regeln sollen dafür förderliche Bedingungen bieten. In der Tat sind sie so angelegt und werden oft so fortgeschrieben, dass sie die letztlich unvorhersehbare Dynamik eines Ereignisses ermöglichen. Sie sind Rahmenbedingungen für potentiell große sportliche Ereignisse. Nehmen wir Fußball als Beispiel. Während der Weltmeisterschaft 1998 haben gewiss für das Spiel zwischen Brasilien und den Niederlanden die gleichen Regeln gegolten wie für das Spiel zwischen Iran und Deutschland – aber welch enormer Unterschied zwischen dem unvergesslichen Fußballabend im ersten und dem traurigen Herumgeschubse im zweiten Fall! Nicht die Regeln machen das Spiel. Die sportliche Leistung tut es. Sie führt zu bejammernswertem Gekicke oder einem wunderbaren Ereignis. Gerade so wie in der darstellenden Kunst.

3. DIE SEMANTIK DES SPORTS: EIN DRAMA OHNE SKRIPT

Aber ein anderer Einwand harrt noch immer der Beantwortung. Worum geht es im Sportereignis eigentlich? Trägt es denn überhaupt irgendeine relevante Bedeutung in sich? Oft sagt man, während die Kunst Ideen, Gefühle und Gemütszustände ausdrücke und daher bedeutungsvoll sei, drücke der Sport gar nichts aus und habe deshalb keine ,Bedeutung‘. Der Sport möge wohl in seinem Ereignischarakter dem Theater ähnlich sein, aber während ein Theaterstück von menschlichen Konflikten oder dem Drama der condition humaine handle, gehe es im Sport um nichts anderes als Laufen oder Werfen oder um komplizierte Bewegungen wie den Gienger-Salto.

Auch diese Einschätzung ist falsch. Sie basiert auf einer Verwechslung von Bedeutung mit Referenz, sie unterstellt, dass nur dasjenige bedeutungsvoll sein könne, was von oder über etwas handelt. Das Theaterskript handelt von etwas, also ist Theater bedeutungsvoll; dem Sport aber fehlt solch thematische Referenz, also ist er bedeutungslos – nach diesem einfachen Muster wird hier geurteilt. Dabei verkennt man jedoch, dass künstlerische Bedeutung nicht notwendig und ausschließlich durch Referenz entsteht, sondern wesentlich durch das künstlerische Produkt selbst gebildet werden kann. Und dies trifft ebenso auf den Sport zu. Wenn man nach der potentiellen Bedeutsamkeit des Sports Ausschau hält, darf man nicht nach einem Skript suchen – ein solches gibt es in der Tat nicht -, sondern muss sein Augenmerk auf die Eigenart des Ereignisses selbst richten.

Der Sport vermag alle dramatischen Aspekte der menschlichen Existenz in Szene zu setzen. Hierin liegt seine symbolische Dimension. Man denke nur an ein Langstrecken-Rennen. Da kann man Zeuge des taktischen Kampfes der Gegner werden, oder des Sich-Absetzens einer Führungsgruppe, des Einbrechens des Spitzenläufers, der einstigen Tragik und heutigen Triumphe einer Paula Radcliffe, des Risikos des Herausgehens in der letzten Kurve, und schließlich des dramatischen Endspurts und des Glücks eines Läufers, der plötzlich auf der freiwerdenden Innenbahn durchbrechen kann und den Sieg erringt. Oder man erinnere sich des Moments, als zum ersten Mal in einem 400-Meter-Lauf ein Läufer versuchte, olympisches Gold zu gewinnen, indem er sich über die Ziellinie stürzte (Carl Kaufmann).

Entscheidend ist, dass all dies einzig durch den sportlichen Wettkampf selbst hervorgebracht wird – und sich nicht aus der Umsetzung eines Skripts ergibt. Wenn wir Zeuge eines dramatischen Vorgangs werden, so ist dies im Fall des Sports einzig und allein dem Ereignis selbst zuzuschreiben. Was tatsächlich eintreten wird, lässt sich nicht vorwegnehmen. Tun und Leistung der Sportler sind im höchsten Sinne kreativ. Es lag kein Skript zugrunde. Sport ist Drama ohne Skript. Sport schafft sein eigenes Drama.24

In dieser Hinsicht erscheint der Sport sogar in höherem Maße künstlerisch als viele der Künste – weitaus mehr beispielsweise als die darstellenden Künste, sofern diese auf einem Skript, einer Choreographie oder einer Komposition basieren. Im Sport hingegen verdankt sich das Drama allein dem Ereignis. Diese Freiheit und der Ereignischarakter der Bedeutungserzeugung sind ausgesprochen künstlerisch.

4. IDENTIFIKATION – ZUR FASZINATION DER ZUSCHAUER

Der Hauptakzent meiner Analyse liegt auf dem Ereignis und dem Schauspiel des Sports. Ich betrachte die Zuschauer als integralen Bestandteil des Ereignisses. Aber das führt zu der Frage, warum wir überhaupt sportliche Leistungen bewundern. Müssten wir nicht eher neidisch sein, weil wir, die Nicht-Sportler, eine Perfektion dieser Art nie erreichen werden? Wie lässt sich die Publikumsfaszination des Sports erklären?25

Ausschlaggebend ist, dass wir die Leistung der Sportler nicht als völlig jenseits unserer Möglichkeiten ansehen. Wir betrachten sie in gewissem Sinn als uns verwandt. Es gibt hier ein Gefühl des „mea res agitur“ – wie im Theater, wo wir, wenn Könige oder außergewöhnliche Menschen auftreten, durchaus nicht meinen, dass diese von einer ontologisch anderen Art seien, sondern sie als Mitmenschen betrachten, deren Schicksal uns menschliche Möglichkeiten aufzeigt, die im Prinzip auch für unser Sein und Leben relevant sind. So werden auch die Athleten als menschliche Wesen wahrgenommen – auch wenn sie uns irgendwie als Übermenschen erscheinen. Ganz anders wäre es, wenn wir Wesen von einem anderen Planeten sehen würden. Aber Sport ist nicht Science-fiction, Sport ist real und menschlich.

Im sportlichen Wettkampf geschieht etwas, was mit dem menschlichen Wesen zu tun hat. Die Sportler demonstrieren ein Potential des menschlichen Körpers als solchen, das sicherlich für die meisten von uns de facto unerreichbar ist, das aber nicht prinzipiell jenseits der Idee unseres Körpers liegt. Die Sportler verwirklichen eine herausragende Möglichkeit unserer Art von Körpern. Sie erbringen ihre Leistungen gleichsam an unserer Stelle und für uns. Und deshalb können wir uns auch mit ihnen identifizieren, und tun das.

Nichts ist dabei gänzlich außerhalb unserer Reichweite – weder die Körper noch die Handlungen oder die Gefühle -, alles ist uns bis zu einem gewissen Grad vertraut. Es ist ein Mitmensch, der dort seine Leistung erbringt, der leidet und gewinnt oder verliert.26 Das macht das sportliche Ereignis zu einem Geschehen, an dem wir Anteil nehmen, und das sportliche Drama zu einem, das auch wir erfahren. Daher umfasst die Struktur des Sports sowohl die Sportler wie die Zuschauer. Wir sind durch die Realisierung einer extremen menschlichen Möglichkeit fasziniert, die für uns faktisch unerreichbar ist, uns im Sportereignis aber vor Augen geführt wird. In diesem Sinne erleben wir das Geschehen zugleich als für uns repräsentativ und nehmen gespannt und erregt an diesem Schauspiel teil.

5. FEIER DER KONTINGENZ

Kontingenz ist ein weiterer Hauptpunkt für den dramatischen Charakter des Sports und seine Wertschätzung. Der Sport ist nicht nur eine Verherrlichung physischer Perfektion, sondern ebenso der Kontingenz. Dieses Element mag schwierig zu beschreiben sein – zum Teil, weil die Kontingenz in unserer Kultur nie angemessene Aufmerksamkeit erfuhr; stattdessen hat man versucht, sie zu ignorieren oder zu bezwingen, weshalb adäquate Konzepte für sie kaum ausgebildet wurden -, aber Kontingenz ist einer der offensichtlichsten und geschätztesten Aspekte sportlicher Ereignisse.

Ein Wettkampf kann den Verlauf nehmen, den man erwartet hat. Der überlegene Sportler gewinnt, er erzielt vielleicht sogar einen neuen Weltrekord, und auch das mag erwartet und gefördert worden sein – bei Langstreckenläufen zum Beispiel durch den Einsatz von „Hasen“. Die erreichte Zeit war also fantastisch – nicht aber das sportliche Ereignis, eben weil nichts Unvorhergesehenes eintrat, sondern nur die hochgesteckten Erwartungen erfüllt wurden. Der Wettkampf hat keine eigene Dynamik entwickelt, es fehlte die Kontingenz. Obwohl die Veranstaltung einen Rekord erbrachte, war sie als Ereignis eher langweilig.

Wie anders ist es, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht – wenn es einen echten Kampf gibt, wenn das Ergebnis während des Rennens unsicher ist, wenn schließlich ein neuer Star geboren wird; oder wenn in einem Formel 1-Rennen der Ausgang andauernd unkalkulierbar ist – eine Sekunde Unaufmerksamkeit oder die riskante Fahrweise eines Konkurrenten beim Überholen oder ein plötzlicher Regenschauer können alles verändern. In solchen Fällen erzeugt das Ereignis selbst seinen Verlauf. Kontingenz ist ständig im Spiel. Ein solch reines Geschehen, wo die Möglichkeiten dauernd entstehen und wo das Ereignis sich gleichsam selbst generiert, fasziniert uns weit mehr als das Eintreten eines erwartbaren Ergebnisses.

Nehmen wir Fußball als Beispiel. Sicherlich machen das Geschick und die Aktionen hervorragender Spieler einen Teil der Faszination aus. Aber wir erwarten auch, dass das gesamte Spiel begeisternd sei, und wenn wir Glück haben, können wir verfolgen, wie die Spieler ständig auf den bisherigen Verlauf des Spiels reagieren und ihre Taktik und Spielweise diesem anpassen. Am faszinierendsten ist es, wenn in jedem Moment alles auf der Kippe steht – sowohl das Spiel als ganzes wie jede der einzelnen Aktionen. Ob ein 50 Meter-Traumpass wirklich einer ist oder daneben geht, kann von 10 Zentimetern oder der hervorragenden Reaktion eines Spielers abhängen. Was dem einen Team das entscheidende Tor bringen kann, könnte auch eine ausgezeichnete Konterchance für die gegnerische Mannschaft eröffnen. Und wenn ein Pass gespielt ist, weiß man noch nicht, was aus ihm werden wird. Gelingen und Misslingen liegen hier extrem nahe beieinander. Mir scheint Fußball deshalb so faszinierend zu sein, weil das Geschehen in höchstem Grade der Kontingenz ausgesetzt ist. Fußball inszeniert Kontingenz. (Vermutlich ist dies der Grund, warum so viele Akademiker und Intellektuelle Fußball mögen – er zeigt ihnen die Unbezwingbarkeit der Kontingenz, die sie in ihrer beruflichen Arbeit zu eliminieren suchen.)

Aber steht nicht gerade diese ausgeprägte Kontingenz einer Erklärung des Sports zu Kunst im Wege? Ist die Kunst nicht gerade ein Versuch, Kontingenz zu überwinden – besteht doch eines der wichtigsten Kriterien eines vollendeten Kunstwerks darin, dass man an ihm kein Jota verändern kann, ohne seine Perfektion und außergewöhnliche Wirkung zu beeinträchtigen? In der Tradition wurde diese Auffassung vielfach vertreten. Aber zumindest einige Richtungen der modernen Kunst haben sich, umgekehrt, ganz entschieden der Kontingenz zugewandt. Man denke an Marcel Duchamp, der vielfach Kontingenz in die Kunst einführte und beispielsweise, als sein ,Großes Glas‘, das er für „definitiv unvollendet“ erklärt hatte, beim Transport kaputt ging, dies die „glückliche Vollendung des Stückes“ nannte und beim Rearrangement die Sprünge im Glas zu bedeutsamen Elementen der Komposition machte.27 Oder denken wir an John Cage, der die Emanzipation der musikalischen Kontingenz einführte – sowohl hinsichtlich der Klänge wie der Notation. Die Einführung von Kontingenz gehört zum schon erwähnten Abrücken der modernen Kunst von ihrer traditionellen Verfassung. Die Verherrlichung der Kontingenz, die im Sport stattfindet, ist also unter den neuen Bedingungen kein Argument mehr gegen einen Kunststatus des Sports.

6. VORLÄUFIGE ZUSAMMENFASSUNG

Zusammengefasst: Ich bin verschiedene Bestandteile des Konzepts der modernen Kunst durchgegangen und habe verschiedene Charakteristika des zeitgenössischen Sports erörtert. Einige der neuen Determinanten der Kunst (die Vorrangstellung des Ästhetischen als solchen, das Streben der Kunst nach Verbindungen mit dem Alltagsleben, die Verschmelzung der Kunstgattungen und die Neubewertung der populären Kunst) erwiesen sich von Anfang an als vorteilhaft für eine Betrachtung von Sport als Kunst; und die Elemente, die auf den ersten Blick gegen eine solche Betrachtung zu sprechen schienen (symbolischer Status und Selbstzwecklichkeit, Bedeutungserzeugung, Vorzug der Notwendigkeit vor Kontingenz) erwiesen sich bei genauerer Analyse als entweder vom Sport durchaus erfüllbar oder als Elemente eines durch die Entwicklung der Kunst selbst überholten Konzepts.

Vielleicht fehlen dem Sport tatsächlich ein paar Eigenschaften, die für manche Arten von Kunst konstitutiv sind – aber dies ist ebenso zwischen unterschiedlichen Arten von Kunst der Fall. Malerei und Bildhauerei bringen objektartige Werke hervor – die darstellenden Künste nicht; ihr Typ von Werken ist von anderer Art. So auch der des Sports. Und falls es einige Merkmale von Kunst geben sollte, die dem Sport insgesamt fehlen, so bedeutet auch dies noch nicht notwendigerweise, dass Sport nicht eine Art von Kunst sein könnte. Denn der Begriff der Kunst ist komplex und offen. Nichts muss, um Kunst zu sein, sämtliche Aspekte aufweisen, die dafür ausschlaggebend sein können, dass ein bestimmtes Objekt als Kunst gelten kann. Eine Reihe von Merkmalen – die ohnehin schon von einer Gattung zur nächsten variieren – genügt.28 Und der Sport bietet eine ganze Reihe solcher Merkmale – und zudem sehr gewichtige.29 Daher scheint es mir hochgradig plausibel, den heutigen Sport als Form von Kunst anzusehen.

7. DER ZEITGENÖSSISCHE SPORT: POSTMODERNE KUNST FÜR JEDERMANN

Schließlich hat der Sport gegenüber dem, was üblicherweise als Kunst gilt, einen großen Vorteil: Praktisch jedermann vermag ihn zu verstehen und an ihm sich zu erfreuen. Für die Faszination durch Sport benötigt man kein Diplom – wohingegen man, um sich an der modernen, schwierigen Kunst erfreuen zu können, eines zu brauchen scheint. Gewiss erfordert selbst der Sport einige Kenntnisse: Man muss beispielsweise die Regeln kennen (oder herauszufinden vermögen), und je mehr man mit einer Sportart vertraut ist, umso mehr wird man die entsprechenden Wettkämpfe goutieren können.30 Die moderne Kunst jedoch ist schwerlich für jedermann zugänglich (wie sehr auch unsere Kunstpädagogen gegen eine solche Behauptung protestieren mögen).

Der zeitgenössische Sport entspricht – anders als die moderne Kunst – dem heutigen sensus communis. Er ist Kunst für jedermann. Vermutlich ist Sport die populäre Kunst unserer Zeit. Ganz sicher ist er die gesellschaftlich am meisten beachtete Form der Kunst. Das gewaltige Anwachsen des Publikumsinteresses ist ein Zeichen dafür.31 Während die Kunst sich, indem sie schwierig und eine Sache für Experten wurde, vom allgemeinen Geschmack abwandte, springt der Sport in diese Lücke ein. Er bietet das außerordentliche und gleichwohl verständliche Ereignis. Und beim Sport sind die Dinge so offenkundig. Hier muss man sich nicht kritisch fragen, ob das, woran man sich erfreut, wirklich Kunst ist und ob die eigene Freude daran denn auch legitim ist oder ob sie nur auf einer Fehleinschätzung beruht, weil man in Wahrheit ein Banause ist, der irrtümlicherweise Kitsch für Kunst hält.

8. SPORT ALS VERNACHLÄSSIGTES THEMA DER ÄSTHETIK

Meine Überlegungen suchten die kunstartigen Eigenschaften des Sports herauszuarbeiten. Dadurch mag deutlich werden, wie sehr der Sport für die Ästhetik ein interessanter Gegenstand sein kann. Im allgemeinen beachtet die Disziplin den Sport zu wenig. Man registriert allenfalls die ästhetischen Aspekte des Sports, meint aber, diese seien offenkundig und nicht weiter interessant. Die Freude am Sport wird als Vergnügen der weniger Gebildeten oder der Masse abgetan – dergleichen sei nicht wert, von der Ästhetik eigens thematisiert zu werden. Bei alledem übersieht man den kunstartigen Charakter des Sports – der umgekehrt Anlass bieten könnte, über unseren Kunstbegriff genauer nachzudenken. Außerdem wird man, solange man diesen kunstartigen Charakter ignoriert, nicht verstehen können, was Sport für das breite Publikum so anziehend macht. Die Faszination am Sport beruht wesentlich auf Aspekten, die wir in anderer Form bei den Künsten zu erleben und zu bewundern gewohnt sind. Ich trete dafür ein, dies zu erkennen.

9. KUNST-KUNST VERSUS SPORT-KUNST

Mit alledem sage ich natürlich nicht, dass Sport die Kunst ersetzen würde – oder dies tun könnte oder sollte. Ich behaupte nur, dass der Sport Funktionen von Kunst für ein breiteres Publikum erfüllt, das von der Kunst nicht mehr erreicht wird.

Und ich möchte Komplementarität vorschlagen. Die Kunst sollte meiner Ansicht nach weiterhin schwierig, elitär und experimentell sein. Mit anderen Worten: Sie sollte sich nicht dem populären Geschmack unterwerfen. Ich sehe ihre künftigen Chancen nicht darin, dass sie mit den überreichen Befriedigungen wettzueifern sucht, welche die Bedürfnisse der Unterhaltungs- und Amüsiergesellschaft schon durch das gegenwärtige Design und die Alltagsästhetisierung erfahren – und ebenso durch den zeitgenössischen Sport. Wo Kunst diesen Weg einzuschlagen versuchte, wäre sie ohnehin im Nachteil und verfehlte ihre genuine Aufgabe. Unnachgiebige Kunst auf der einen Seite und Unterhaltungskünste auf der anderen Seite könnten auf komplementäre Weise nützlich und begrüßenswert sein. Eine Aufteilung und Differenzierung dieser Art wäre meiner Meinung nach nicht das schlechteste Ergebnis der modernen Transformation des Künstlerischen.

Oder, um in diesem Punkt keinerlei Unklarheit zu belassen: Nach all den Anstrengungen der modernen Kunst, dem goldenen Käfig der Autonomie zu entkommen, sich dem Leben zuzuwenden und das Ästhetische außerhalb der Sphäre der Kunst anzuerkennen und uns zu seiner Wertschätzung zu bewegen – eine Tendenz, die offensichtlich die Ästhetisierung des Alltags befördert hat und die starke Argumente für meine Bewertung des Sportes als Kunst liefert -, könnte es nun an der Zeit sein, die Unterscheidung zwischen Kunst im eminenten Sinn auf der einen Seite und der Alltags-Ästhetisierung auf der anderen Seite erneut stark zu machen.32 Die Kunst der Avantgarde, die gegen die Autonomie der Kunst revoltierte und den Alltag ästhetisch heiligte, hat ihre Aufgabe erfüllt. Ihr Sieg ist offensichtlich und bedarf keines weiteren Beweises. Die Kunst könnte jetzt wieder zu ihren genuinen Aufgaben zurückkehren – eine Gegenstellung gegen die gegenwärtige Ästhetisierung würde dazugehören.33 Sport erfüllt das alltägliche Kunstbedürfnis sehr gut. Aber er kann kein Ersatz sein für Schönberg und Pollock, Godard oder Puryear. Die Außerordentlichkeit der Kunst muss auf andere Weise verwirklicht werden als die Eigenart des Sports.

10. SCHLUSSBEMERKUNG

Letztlich war es nicht meine Absicht zu entscheiden, ob Sport Kunst ist oder nicht. So gestellt, wäre die Frage meines Erachtens zu essentialistisch genommen. Statt dessen wollte ich einige Gründe anführen, warum – unter den heutigen Bedingungen der Kunst wie des Sports – viele Menschen es plausibel finden, Sport als Kunst zu betrachten. Alle Einwände dagegen scheinen mir nicht auf der Höhe des modernen Kunstverständnisses zu sein – Sport ist eine Art von Kunst. Die Kunst (im üblichen Sinne) ist eine andere. Das ist alles.

Anmerkungen
1.) Ästhetisierungsphänomene diskutiere ich in ,Ästhetisierungsprozesse – Phänomene, Unterscheidungen, Perspektiven‘, in: Wolfgang Welsch (Hrsg.): Grenzgänge der Ästhetik, Stuttgart 1996, S. 9-61.
2.) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: ders., Werke in 20 Bänden, Bd. 12, Frankfurt am Main 1986, S. 298.
3.) Vgl. Bruce C. Ogive/Thomas A. Tutko: Sport: If You Want to Build Character, Try Something Else, in: Psychology Today (Okt. 1971), S. 61-63.
4.) Vgl. Dennis Rodman (mit Tim Keown): Bad As I Wanna Be, New York 1996.
5.) So hat beispielsweise Schiller in seiner Konzeption dessen, was er „ästhetische Kultur“ nannte, die Sinnlichkeit als „furchtbaren Feind“ bezeichnet, gegen den es zu „fechten“ gelte; er lobte den mechanischen wie den schönen Künstler dafür, dass sie „kein Bedenken“ tragen, der Materie „Gewalt anzutun“, und er sagte gar, „das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters“ bestehe darin, „daß er den Stoff durch die Form vertilgt“. Vgl. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 5, hrsg. von Gerhard Fricke/Herbert G. Göpfert, München 1980, S. 570-669, 23. Brief, S. 645, 4. Brief, S. 578, 22. Brief, S. 639.
6.) Man beachte jedoch, dass der englische Terminus ,sport‘ – anders etwa als der alte griechische Ausdruck ,Gymnastik‘ – ursprünglich hedonistische Bedeutung hatte. ,Sport‘ bedeutete von seinem ersten Auftreten in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts dergleichen wie ,angenehmer Zeitvertreib‘, ,Unterhaltung‘, ,Amüsement‘, ,Erholung‘, ,Zerstreuung‘, ,etwas tun, was einem Vergnügen bereitet‘ (The New Shorter Oxford English Dictionary on Historical Principles, hrsg. von Lesley Brown, Oxford 1993, Bd. 2, S. 2999). Im späten sechzehnten Jahrhundert hatte ,Sport‘ sogar die spezielle Bedeutung von ,Liebesvergnügen‘, ,Geschlechtsverkehr‘ (vgl. ebenda). So lässt William Shakespeare in ,Othello‘ Jago sagen: „Der Akt des Sportes schwächt das Blut“ (II,1,230). „Venus sport“ war ein geläufiger Ausdruck. Erst später verschob sich der Begriffsgehalt von ,Sport‘ von der Sphäre des Vergnügens hin zum Bereich der Disziplin.
7.) Eine Fallstudie zum ästhetischen Status des Sports bietet Hans Ulrich Gumbrecht: Die Schönheit des Mannschaftssports: American Football – Im Stadion und im Fernsehen, in: Medien – Welten – Wirklichkeiten, hrsg. v. Gianni Vattimo / Wolfgang Welsch, München 1998, S. 201-228. Vgl. auch Gunter Gebauer/Gerd Hortleder: Die Epoche des Showsports, in: Sport – Eros – Tod, hrsg. von Gerd Hortleder/Gunter Gebauer, Frankfurt am Main 1986, S. 60-87.
8.) Schon in den 1970er und 1980er Jahren wurde die Frage erörtert, ob Sport eine Form von Kunst sein könne. Den Anstoß gab die Untersuchung von Pierre Frayssinet: Le Sport parmi les Beaux-Arts, Paris 1968. Die Diskussion wurde dann vorwiegend in der englischsprachigen Welt geführt; beteiligte Autoren waren L.A. Reid (1970), P. Ziff (1974), J. Kupfer (1975), David Best (1979, 1980, 1985), S. K. Wertz (1984) und Christopher Cordner (1988). Ihre Antwort fiel meist negativ aus: Trotz zahlreicher offensichtlicher Parallelen sollte der Sport letztlich doch nicht als Form der Kunst angesehen werden können. Anstatt detailliert auf die Argumente der Diskussion einzugehen, will ich nur festhalten, dass für wache Geister offenbar damals schon eine Tendenz wahrnehmbar war, die sich in der Zwischenzeit durchgesetzt hat – nur dass die damalige akademische Reaktion auf den sich abzeichnenden Kunststatus des Sports vorrangig zurückhaltend und konzeptionell konservativ war, obgleich viele der vorgebrachten Argumente (zum Beispiel die von Roberts und Cordner gegen Best) eine andere Schlussfolgerung durchaus hätten nahe legen können (vgl. David Best: The Aesthetic in Sport, in: British Journal of Aesthetics, Bd. 14, Nr. 3, Sommer 1974, S. 197-221; David Best: ,Sport is Not Art‘, in: Journal of the Philosophy of Sport, Bd. XII, 1985, S. 25-40; Terence J. Roberts: ,Sport, Art, and Particularity: The Best Equivocation‘, in: Philosophic Inquiry in Sport, S. 415-424; Christopher Cordner: Differences Between Sport and Art‘, ebenda, S. 425-436). In der deutschsprachigen Diskussion hat 1971 Gunter Gebauer Frayssinets Analyse zahlreicher Verwandtschaften zwischen Kunst und Sport bekannt gemacht und sich dann mit Frayssinets letztlichem Ausschluss des Sports aus der Sphäre der Schönen Künste kritisch auseinandergesetzt: Die These beruhe auf allzu konservativen ästhetischen Standards (Gunter Gebauer: ,Der Sport in der Kunst – die Kunst im Sport‘, in: Sportwissenschaft 1, 1971, S. 75-84). Hans Lenk fand dann einen Weg, der von Frayssinet gezogenen Konsequenz zu entgehen und den Sport der Reihe der Künste einzugliedern – nur nicht als achte der Schönen, sondern der Freien Künste (Hans Lenk: Die achte Kunst, Zürich 1985, S. 116). Neuerdings hat Sven Güldenpfennig auf die „sphärenspezifische Sinnstruktur“ des Sports „innerhalb der allgemeinen Sinnsphäre der Kunst“ hingewiesen (Sven Güldenpfennig: Sport: Autonomie und Krise, Sankt Augustin 1996, S. 72) und gefolgert, dass Sport durchaus als „eine Form von Kunst“ verstanden werden könne (Sven Güldenpfennig: Sport: Kunst oder Leben? Sankt Augustin 1996, S. 98).
9.) Für die Priorität der aisthesis habe ich seit 1990 plädiert, vgl. ,Ästhetisches Denken‘. Vgl. auch ,Ästhetik außerhalb der Ästhetik – Für eine neue Form der Disziplin‘ sowie ,Ästhetisierungsprozesse – Phänomene, Unterscheidungen, Perspektiven‘ (in: Grenzgänge der Ästhetik, S. 135-177 bzw. S. 9-61).
10.) Vgl. Design ist unsichtbar, hrsg. von Helmuth Gsöllpointner/Angela Hareiter/Laurids Ortner, Wien 1981.
11.) Theodor W. Adorno: Die Kunst und die Künste, in: ders.: Ohne Leitbild: Parva Aesthetica, Frankfurt am Main 1967, S. 168-192, hier S. 168. Vgl. auch Arthur Dantos Beschreibung zeitgenössischer künstlerischer Verfahrensweisen: „Maler zögern nicht länger, ihre Gemälde mittels Verfahren zu inszenieren, die gänzlich anderen Medien angehören – Skulptur, Video, Film, Installation und dergleichen.“ Arthur C. Danto: After the End of Art: Contemporary Art and the Pale of History, Princeton 1997, S.XII.
12.) Adorno, S. 189.
13.) Ebenda.
14.) Ebenda, S. 191.
15.) Ebenda.
16.) Richard Shusterman: Kunst leben. Die Ästhetik des Pragmatismus, Frankfurt am Main 1994, S. 113 und 155. Shusterman zeigt, „daß die populäre Kunst jene formalen Qualitäten besitzt, die die hohe Kunst als ästhetisch auszeichnen: Einheit und Komplexität, Intertextualität und offen-strukturierte Polysemie, Experimentieren und deutliche Aufmerksamkeit auf das Medium“ (ebenda, S. 155).
17.) Cordner, S. 432.
18.) Daher wurden Künste wie Malerei und Bildhauerei in der Vergangenheit unter den „artes mechanicae“ geführt, also in einer Reihe beispielsweise mit Ackerbau, Schmiedekunst und Wollweberei. Sie zählten – eben weil es in ihnen auf das entstehende Produkt und nicht auf den Vollzug ankommt – gerade nicht als „artes liberales“. Man kann diese ursprüngliche Klassifikation noch an den Reliefs des Florentiner Campanile ablesen (Darstellungen um 1340 bzw. 1437-39): Architektur, Bildhauerei und Malerei figurieren inmitten der mechanischen Künste – unterhalb der über ihnen dargestellten Freien Künste.
19.) Vgl. Aristoteles, Metaphysik, IX 6, 1048 b 18-36.
20.) Diese Selbstzwecklichkeit des Sports wird oft durch Verweis auf seinen Spiel-Charakter zum Ausdruck gebracht.
21.) Beim Bergsteigen gilt Ähnliches. Der bekannte Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ bringt dies gut zum Ausdruck. Natürlich will man den Gipfel erreichen; aber man muss auch wieder heil herunterkommen. Die Befriedigung erwächst daraus, dass man all dies gut geschafft hat. Letztlich sind alle Anforderungen des Weges (nicht bloß das Erreichen des Gipfels) Bestandteil der erfolgreichen Leistung des Bergsteigers.
22.) Der übliche Einwand gegen den zeitgenössischen Hochleistungssport (insbesondere gegen Basketball, Fußball und andere hoch bezahlte Sportarten), dass es den Sportlern bloß um das Geldverdienen gehe, ist bei weitem zu vordergründig. Herausragende Leistung ist eine unabdingbare Voraussetzung für alles, was daraus folgt – eine Reihe von Siegen, das Einstreichen riesiger Geldsummen oder Überanstrengung durch den permanenten Druck, der oder die Beste sein zu müssen. Bei der Kunst ist das nicht anders. Die Aussicht auf zusätzliche Geldsummen mag einen Tenor dazu bringen, öfter zu singen – aber wenn seine Leistung schlechter wird, wird auch seine Gage (freilich erst nach zu langer Zeit) geringer.
23.) Übrigens konnte ,Sport‘ im sechzehnten Jahrhundert auch direkt ,Theatervorstellung‘, ,Show‘, ,Spiel‘ bedeuten (Quelle: The New Shorter Oxford English Dictionary on Historical Principles, Bd. 2, S. 2999).
24.) Das könnte freilich erneut einen Einwand gegen einen potentiellen Kunststatus des Sports hervorrufen. Kunst, könnte man sagen, erfordert Wiederholbarkeit, also kann Sport, gerade wegen der Einmaligkeit des sportlichen Ereignisses, nicht Kunst sein. Aber wieder löst die moderne Kunst dieses Argument auf. Denn für sie gilt keine generelle Wiederholbarkeitsforderung mehr. Happenings zum Beispiel waren und Performances sind oft einmalige Ereignisse. Später kann man sie nur noch aufgrund von Fotos oder Videoaufzeichnungen verfolgen – und gerade so verhält es sich auch bei sportlichen Ereignissen.
25.) Als Faktum ist diese Faszination offenkundig: Heute sehen mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung in den westlichen Ländern regelmäßig Sport; das Endspiel der letzten Fußball-Weltmeisterschaft wurde weltweit von ca. 1 Milliarde Menschen am Bildschirm verfolgt.
26.) Es ist nicht nur der Körper des Sportlers, der uns, da wir physische Wesen der gleichen Art sind, verständlich ist, sondern ebenso sind die Tätigkeiten, welche die Sportler vollführen, irgendwie vertraut. Das ist bei Radfahren, Fußball, Basketball, Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Autorennen und ähnlichem offensichtlich – viele von uns haben zumindest zeitweise dergleichen betrieben, auf welchem bescheidenen Niveau auch immer. Und indirekt besteht solche Vertrautheit auch dann, wenn wir mit bestimmten Sportarten wenig oder eventuell gar keine Erfahrung haben, wie das vielleicht bei Fechten oder Speerwerfen der Fall sein mag. Denn auch hier sind wir von unserer alltäglichen Körpererfahrung her mit den einschlägigen motorischen Mustern zumindest bis zu einem gewissen Grad vertraut; und wenn, wie etwa beim Stabhochsprung, nicht einmal dies der Fall ist, so können wir uns dennoch – durch eine Art körperlicher Einfühlung – vorstellen und sogar spüren, was dabei vor sich geht. Wir haben immer zumindest einen rudimentären Zugang zu den Mustern der betreffenden Handlungen – und das genügt, um mit ihnen in Kontakt zu kommen, während andererseits die Distanz verstärkt wird zwischen unseren eigenen Fähigkeiten und der außerordentlichen Leistung, die wir beobachten, und von der wir fasziniert sind. Dasselbe gilt für die emotionalen Vorgänge, deren Zeugen wir werden und die oft so dramatisch sind. Wir verstehen, was Konzentration vor dem Start ist; oder was es bedeutet, während eines Langstreckenlaufs eine gute Position einzunehmen und auf seine Chance zu warten; und wenn der zweitplazierte Läufer schließlich angreift und ausgangs der Zielkurve die Führung übernimmt, dann beginnt unser Herz mit dem seinen zu schlagen; oder während eines Tennisspiels bewundern wir nicht nur die gekonnten Schläge, sondern nehmen auch die mentalen Höhen und Tiefen der Spieler wahr und können eventuell schon aus der bloßen Beobachtung der Körpersprache eines Spielers vor und während des Aufschlags vorhersagen, ob das Service im Feld auftreffen wird oder nicht.
27.) Ich beziehe mich auf das ursprüngliche Stück, das sich heute im Philadelphia Museum of Art befindet. Es gibt inzwischen in anderen Museen bruchfreie Reproduktionen. Meiner Ansicht nach belegen sie den Widerstand der Kunstwelt gegen den Schritt, den Duchamp tat. Noch immer bevorzugt man die Illusion der Notwendigkeit anstelle der Akzeptanz von Kontingenz. Man bedenke auch, dass die Bruchlinien des Originals nicht nur mit den mechanischen Figuren des Werkes korrespondieren (wunderbar im unteren Teil von links bis zur Mitte), sondern dem Werk auch eine neue semantische Schicht hinzufügen: Nunmehr demonstriert es (als faktische Folge eines mechanischen Vorfalls) eher den Niedergang der mechanischen Einstellung als die raffinierte Instrumentierung der mechanistischen Einstellung; wir sind jetzt Zeugen der Verletzlichkeit und Überwindung dieses Ideals.
28.) Damit stütze ich mich natürlich auf Ludwig Wittgensteins Konzept der „Familienähnlichkeit“. Es stellt meines Erachtens einen der größten Durchbrüche in konzeptionellen Fragen dar.
29.) Man könnte auch den Kitsch-Test heranziehen. Im Bereich der Kunst ist immer auch Kitsch möglich. Gibt es auch im Sport Beispiele für Kitsch? Ich habe das Gefühl, dass vor allem diejenigen Sportarten, die direkt auf ästhetischen Charakter zielen, in der Gefahr stehen, etwas hervorzubringen, was für gebildete Sensibilität dem Kitsch zumindest nahe kommt. Nehmen wir Bandgymnastik als Beispiel. Ihr spielerischer Charakter, der nicht aus körperlicher Leistung, sondern aus dem Zusammenspiel mit einem netten Spielzeug herrührt, grenzt – gelinde gesagt – an Kitsch. Oder man stelle sich einen Skiläufer vor, der nur schön und nicht auch effizient zu fahren bemüht wäre: Manche Zuschauer würden ihn vielleicht bewundern, aber andere würden das als Kitsch erkennen und sich abwenden. An Ingemar Stenmark war so großartig, dass in seinem Fall ästhetische Attraktivität und sportliche Effizienz aus den gleichen Bewegungsabläufen resultierten. Nachfolgende Entwicklungen jedoch, zum Beispiel die Einführung der Kippstangen im Slalom, machten eine solche Kongruenz unmöglich: wenn man die Stangen beiseite zu drücken hat, statt sie umfahren zu müssen, kann der Lauf zwar noch immer beeindruckend sein – aber nur wegen seiner Effizienz, nicht mehr wegen seiner Schönheit. – Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, würden, interessanter- und scheinbar paradoxerweise, die offensichtlich ,ästhetischen‘ Sportarten weitgehend in der Gefahr stehen, in die Kitsch-Falle zu tappen, während die ,zweckgerichteten‘ Sportarten weitaus bessere Kandidaten für ,Kunst‘ wären.
30.) Und natürlich gibt es bei den Zuschauern Kompetenzunterschiede. Nicht jeder Zuschauer ist ein guter Zuschauer.
31.) Schon 1928 stellte John Dewey fest, „daß die Verbreitung von Sport und Spielen eines der bezeichnendsten Merkmale des gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebens ist“. John Dewey: What Are the Russian Schools Doing? In: John Dewey: The Later Works, 1925-1953, Bd. 3: 1927-1928, Carbondale u. Edwardsville 1984, S. 224-232, hier S. 225. 1931 schrieb er dann im Blick auf Tageszeitungen: „Die Politik mag auf der ersten Seite und in den Leitartikeln der Zeitungen erscheinen, aber die Sportseiten nehmen mehr Raum ein, und der durchschnittliche Leser wendet sich diesen Seiten mit einem eifrigen Interesse zu, das drastisch von der Gelangweiltheit absticht, mit der er politische Nachrichten zur Kenntnis nimmt und die Leitartikel beiseiteläßt.“ John Dewey: Is There Hope for Politics? In: John Dewey: The Later Works, 1925-1953, Bd. 6: 1931-1932, Carbondale u. Edwardsville 1985, S. 182-189, hier S. 182.
32.) Meine generelle Formel für die Verfallsdialektik von Ästhetisierungsprozessen lautet „Hyperästhetisierung schlägt in Anästhetisierung um“ (vgl. ,Ästhetik und Anästhetik‘, in: Ästhetisches Denken, Stuttgart 1990, S. 9-40).
33.) Vgl. dazu ,Angesichts des Verschwindens von Geist, Kultur und Kunst in der Fun-Gesellschaft‘, in: Im Spannungsfeld zweier Kulturen. Eine Auseinandersetzung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, Kunst und Technik, hrsg. von Karen Gloy, Würzburg 2002, S. 117-132. Ferner meine Fallstudie ,Gegenwartskunst im öffentlichen Raum: Augenweide oder Ärgernis?‘ (in: Grenzgänge der Ästhetik, S. 202-209).