Titel: Kunst und Sport , 2004

HILLE BEKIC

VON DER ERDMULDE ZUR HYSTERIESCHÜSSEL II

Mit der zunehmenden Industrialisierung tritt im 19. Jahrhundert das Phänomen der Masse immer häufiger in Erscheinung. Die neu entstandene Arbeiterklasse äußert in öffentlichen Kundgebungen und politischen Versammlungen vehement ihre Bedürfnisse nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen sowie nach einer erfüllenden Freizeitgestaltung. Das Bürgertum hatte sich hingegen in Turnvereinen bereits formiert und leistete mit der Errichtung von Sportplätzen und Turnhallen den Forderungen der Obrigkeit nach Steigerung der Wehrhaftigkeit und der Produktionskraft des Einzelnen bereitwillig Folge.

Der Arbeiterklasse, deren freizeitliche Zusammenkünfte von den anderen Klassen vornehmlich als Keimzellen politischer Unruhe gefürchtet waren, blieb der aktive Sport großteils verwehrt. Noch 1867 erneuerte der preußische Staat ein Gesetz, das den Kommunen den Bau von allgemein zugänglichen Sportstätten versagte. Es blieb den bürgerlichen Turnvereinen und den Schulen vorbehalten, die seit der Antike erstmals wieder vermehrt aufkommende Lust an der körperlichen Ertüchtigung zu erfüllen. Damit gab es – von oben gesteuert – zwar ein reges Baugeschehen im Sportbereich, das Verlangen nach großen, den Gemeinschaftscharakter fördernden Wettkämpfen fand aber keine bauliche Umsetzung.

Mit der Einführung der 40-Stundenwoche, unter den Vorzeichen eines bereits offenen nationalistischen Gedankengutes, wendete sich das Blatt: Auch in den neu gewonnenen freien Stunden sollte der kontrollierende Zugriff auf die Arbeiterschaft gewährleistet sein. Jetzt war die Abhaltung von Großveranstaltungen, die den aktiven Sportler zwar auf die Zuschauerränge verwies, ein probates Mittel, um ordnend einzugreifen. Die Neueinführung der Olympischen Spiele ab 1896 erhebt das sportliche Ereignis zum Staatsakt, der die angespannte wirtschaftliche und soziale Lage auf mehrfache Weise befrieden soll: Zum einen werden die Großveranstaltungen…

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