Ausstellungen: Köln · von Jürgen Raap · S. 415
Ausstellungen: Köln , 1997

Jürgen Raap

Stefan Hablützel – 1962/1929

Galerie Johnen und Schöttle, Köln, 8.11.1996 – 24.1.1997

In welcher Art und Weise spiegelt sich im aktuellen Aussehen eines Menschen dessen individuelle Geschichte und gleichzeitig die allgemeine Zeitgeschichte wider? Nachdem der Schweizer Künstler Stefan Hablützel dieser Frage bisher an der (Re-)Konstruktion historischer Figuren nachgegangen ist (in der skulpturalen Nachbildung eines mittelalterlichen Eisläufers oder eines Jakobiners im Gewand der Revolutionsepoche), setzt sein jüngstes Projekt an der Genealogie der eigenen Familie an: Zwei Halbfiguren an der Wand zeigen in hyperrealistischer Darstellung seinen Vater im Jahre 1962 und seinen Großvater im Jahre 1929 – beide im Alter von jeweils 30 Jahren.

Für den Ausstellungsbesucher ergeben sich auf den ersten Blick eher Bezüge zur realistischen amerikanischen Bildhauerei als zu einer ähnlichen Formensprache bei Stefan Balkenhol. Dennoch: Duane Hanson hat in seinen „lebensechten“ Darstellungen von Touristen oder Obdachlosen soziale Typisierungen hervorgehoben und seine Figuren in entsprechende Environments gestellt. Hablützel hingegen bricht diesen Naturalismus, indem er die Abbilder nicht als Vollplastiken inszeniert und sie zudem vom Fußboden ablöst – ihre Füße befinden sich etwa in Kniehöhe des Betrachters. Auch bekleidet er die beiden Plastiken nicht mit Original-Textilien, sondern modelliert die Garderobe (ebenso wie die Körper) in Polyester.

Damit wird nicht die Illusion von authentischer räumlicher Wirklichkeit inszeniert, sondern ein dreidimensionales Bild von einem Bild, wie wir es etwa aus dem Familienalbum kennen. Nur läßt sich im Familienfoto der reale Altersunterschied zwischen Großvater und Vater nicht leugnen. Wenn in dieser Montage zweier Zeit-ebenen die Distanz zwischen 1929 und 1962 zumindest in den Gesichtern aufgehoben wird, bedeutet…

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