Ausstellungen: Marseille , 1999

Doris von Drathen

Stephen Craig

Ateliers d´Artistes de la Ville de Marseille, 14.11.1998 – 6.1.1999

Es gibt keine Virtualität. Der Realität entkommt man nicht: Stephen Craig formuliert diese Haltung deutlich in seiner Arbeit, von der er sagt: „Alles, was man herstellt, hat zwangsläufig einen Realitätsbezug, aber durch eine leichte Verschiebung, können wir die Realität anders nehmen“. Tatsächlich sind seine Pavillons in ihren Maßstäben und Funktionen unmittelbar auf menschlichen Gebrauch übertragbar – und darum geht es ihm, um jene „Grenzbereiche, wo Kunstobjekte sich auflösen, weil der Betrachter nicht nur davor steht, sondern damit umgeht“.

Noch aber betreten wir seine Modelle nur mit den Augen: Etwa den Moon-Palace, 1995, eine Konstruktion, die – entgegen aller Gepflogenheiten in der Architektur-Schatten nicht durch Mauerschnitte entstehen läßt, sondern ihn selbst materialisiert: Die Nacht bildet die Innenwände, die das Mondlicht gefangenhalten. Aus diesem Gehäuse im Gehäuse dringt aber das Licht in eine Art Nachtkorridor, an dessen Wänden Großphotos von mondbeleuchteten Landschaften montiert sind. Der Betrachter könnte also in diesem Pavillon die Mondnacht physisch erleben, könnte durch Licht und Schatten wandern, sich in den Landschaften ergehen, nur ein Paradox würde er nicht lösen können: Wo ist der Mond?

Aber nicht alle Arbeiten sind so poetisch; typisch ist eher eine beißende politische Komponente: Von der documenta in Kassel kennen manche Craigs „Treppenstraße“,1996/1997, jenes Modell, das die deutsche Nachkriegsarchitektur unter die Lupe nimmt: Werner Haspar war einer jener Architekten, die übergangslos von der Nazi-Zeit in die 50er Jahre gingen (cf. Werner Durth, Deutsche Architekten): Die Formensprache von imponierend durchschlagenden Achsen und ansteigenden Straßenzügen wurde…

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