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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 402 - 402
Magazin: Kulturpolitik , 1992

Ingo Arend
Teure Sterbehilfe

POTSDAMER »NOTRUF KULTUR« DES KULTURFORUMS DER SOZIALDEMOKRATIE

Aus den tosenden Meereswogen reckt sich ein Arm, in der Hand einen rotbefleckten Pinsel. So stellt der Heidelberger Plakatkünstler Klaus Staeck in seinem neuesten Produkt die Lage der ostdeutschen Kultur Ende 1992 dar.

Die Angst vor dem drohenden kulturellen Untergang scheint nicht unbegründet. Für die Lebenssubstanz Kultur, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch im Juli vor dem internationalen Kunsthistorikerkongreß in Berlin beschwor, hat die Bundesregierung nicht viel übrig. Auf ganze 350 Millionen Mark hat nämlich Bundesfinanzminister Theo Waigel den Ansatz im Etat 1993 für die Kultur in den neuen Bundesländern zusammengestrichen. 1994 soll sie, wie die bürokratische Metapher „KW“ anzeigt, ganz wegfallen.

Grund genug für das im Sommer 1992 wiederbegründete „Kulturforum der Sozialdemokratie“, einen „Notruf Kultur“ auszustoßen. Wenige Wochen nach der Haushaltsdebatte im Bundestag trafen sich Ende September 200 Künstler, Kulturschaffende und Kulturpolitiker im Potsdamer Filmmuseum, um ein letztes SOS vor dem drohenden kulturellen Untergang in den neuen Bundesländern nach Bonn zu funken.

350 Millionen Mark für 16 Millionen Ostdeutsche wären weniger Kulturgeld, so kritisierte Diskussionsleiter Peter Merseburger, als allein die Stadt Frankfurt am Main mit 700000 Einwohnern für Kultur ausgibt. Und bei weitem zuwenig, um die in Artikel 35 des deutschen Einigungsvertrages festgelegte „Substanzerhaltung“ bei Theatern, Museen, Orchestern und dem Denkmalschutz im Osten Deutschlands zu sichern. Wenn die Zahlungen 1994 ganz eingestellt werden, habe der Bund statt Substanzerhalt teure Sterbehilfe geleistet. Ein in Potsdam verabschiedetes „Hilferuf“-Manifest forderte die Bundesmittel bis zum Jahr 1995 und außergewöhnliche Maßnahmen gegen den Verfall der ostdeutschen Kulturlandschaft. Der…


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